Nach zwei Jahren, die von einer Reihe von Schocks geprägt waren – brutale geldpolitische Straffung, Handelskonflikte, starker Franken und Abschwächung des weltweiten industriellen Zyklus –, startet die Schweiz 2026 in ein deutlich anderes Umfeld. Das Schlimmste scheint vorbei, doch der Weg zu einer nachhaltigen Normalisierung bleibt schmal und unregelmäßig, mit weiter moderatem Wachstum, eingeschränkter Sichtbarkeit und schwachen inländischen Treibern. Dennoch haben sich mehrere Gegenwinde abgeschwächt, während neue Unterstützungen allmählich entstehen. In diesem Kontext scheint 2026 eher eine Phase der Stabilisierung als ein Erholungsjahr, in der sich Gelegenheiten bieten werden, vorausgesetzt, man unterschätzt die nach wie vor vorhandenen Risiken nicht. Daher bleiben Selektivität, Diversifikation und das Streben nach Sichtbarkeit wichtiger denn je.
Hauptchancen
- Erleichterung im Handel gegenüber den USA: Das Abkommen, die US-Zölle auf Schweizer Exporte von 39% auf 15% zu senken, markiert einen wichtigen Wendepunkt. Ohne den Wettbewerbsnachteil vollständig zu beseitigen, reduziert dieser Rückgang die Unsicherheit, die Exporteuren lastete, und verbessert die Transparenz des Handelrahmens für 2026. Nach Schätzungen könnte diese Entlastung das Schweizer Wachstum um mehrere Zehntelprozentpunkte des BIP unterstützen. Viel wichtiger als der direkte Effekt ist die Beseitigung des Extremszenarios: Unternehmen können wieder planen, investieren und ihre Wertschöpfungsketten in einem weniger feindlichen Umfeld anpassen. Diese Verbesserung des externen Umfelds beginnt sich zudem in den Vorlaufindikatoren zu zeigen. Nach 35 Monaten fortlaufender Kontraktion hat sich der Einkaufsmanagerindex (PMI) der Fertigungsindustrie deutlich erholt; der Veröffentlichungswert vom November lag bei 49,7, nahe dem Expansionsschwellenwert. Ohne an dieser Stelle einen echten industriellen Neustart zu signalisieren, deutet diese Entwicklung darauf hin, dass der zyklische Tiefpunkt hinter uns liegen könnte. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) betont selbst, dass der im dritten Quartal 2025 beobachtete BIP-Rückgang überwiegend auf punktuelle Faktoren zurückzuführen sei und die konjunkturelle Sicht sich jüngst verbessert habe, insbesondere dank des Handelsabkommens mit den USA und einer leicht verbesserten globalen Konjunktur.
- Verbesserung der konjunkturellen Sichtbarkeit und europäische Haushaltsanlaufphase: Nach mehreren Jahren der Stagnation scheint Europa endlich ein längeres Tief hinter sich zu lassen. Die haushaltspolitische Belebung Deutschlands, fokussiert auf Infrastruktur, Verteidigung und die Energiewende, zeichnet ein deutliches Signal, auch wenn ihre Effekte schrittweise und voraussichtlich erst ab 2027 sichtbar werden. Mehrere Vorlaufindikatoren deuten darauf hin, dass der zyklische Tiefpunkt hinter uns liegt: PMI-Umfragen in der Eurozone haben sich Ende 2025 erholt, und das Geschäftsklima, insbesondere in Deutschland, zeigt greifbare Anzeichen einer Stabilisierung. In diesem Kontext verbessert die Kombination aus zunehmender Fiskalunterstützung, weniger restriktiver Geldpolitik und dem Fortführen der durch EU-Programme seit 2020 ausgelösten Flüsse die makroökonomische Sichtbarkeit für 2026 deutlich, auch wenn das Wachstumstempo moderat bleiben dürfte. Für die Schweiz, eng verknüpft mit dem europäischen Industriestoff, ist diese Entwicklung besonders wichtig: Europa wird kurzfristig kein starker Wachstumsmotor, aber es könnte aufhören, Bremse zu sein, was in einem weltweit weiterhin unsicheren Umfeld bereits eine bedeutende Veränderung darstellt.
- Fürsichtige und stabile Schweizer Geldpolitik: Im Dezember belass die SNB den Leitzins bei 0 %, und das trotz eines Umfelds nahe der Deflation. Ungeachtet der sehr niedrigen Inflationsrate, verursacht durch spezifische und zeitlich begrenzte Faktoren, bevorzugt die SNB Stabilität. Sie ist bereit, eine Inflation unter ihrem Ziel zu tolerieren, anstatt erneut in eine Spirale negativer Zinsen zu geraten, deren Nebeneffekte auf das Finanzsystem und die Ersparnisse gut bekannt sind. Die Schwelle, die überschritten werden müsste, bevor es zu negativen Zinsen zurückgeht, bleibt hoch, was die Vorhersehbarkeit des geldpolitischen Rahmens stärkt. Diese Stabilität bildet einen wichtigen Anker für die Binnenwirtschaft, unterstützt die Binnenachfrage, den Immobilienmarkt und die Vermögenswerte, während sie der SNB zugleich die notwendige Flexibilität lässt, punktuell am Devisenmarkt zu intervenieren, falls erneute Spannungen mit dem Franken auftreten sollten.
- Defensiver und sichtbarer Schweizer Aktienmarkt: In einer Welt mit anhaltenden geopolitischen Unsicherheiten und ungleichmäßigem globalem Wachstum behält der Schweizer Aktienmarkt strukturelle Vorteile. Sein defensiver Bias, die hohe Gewinnsichtbarkeit großer Kapitalisieren sowie die Qualität der Cash-Flow-Generierung und der Dividenden stärken seine Attraktivität. Im Jahr 2026 dürfte das Gewinnwachstum weiter robust bleiben. Der Konsens geht von einer Zunahme von rund 6% für den Gesamtmarkt aus und etwa 15% für Small- und Mid-Caps, getragen von einem Nachhol-Effekt und einer allmählichen Verbesserung des europäischen Industriesektors. In diesem Kontext zeigt der Schweizer Pharmasektor einer der sichtbarsten Marktstützen. Nach Jahren widriger Rahmenbedingungen (Rückgang der Blockbuster, regulatorischer Druck, post-Covid-Normalisierung) könnte 2026 einen Wendepunkt markieren. Die großen Akteure verfügen jetzt über besser identifizierbare Pipelines, mit konkreten klinischen und regulatorischen Katalysatoren, die im Laufe des Jahres erwartet werden, insbesondere in der Onkologie, Autoimmunerkrankungen und Neurologie. Wir könnten eine schrittweise Erholung der Gewinn-Dynamik erleben, vor dem Hintergrund neuer Produkteinführungen, besserer Sichtbarkeit der Absatzvolumen und strengerer Kostenkontrollen. Darüber hinaus bewahrt die Schweizer Pharmaindustrie Merkmale, die im aktuellen Umfeld besonders gefragt sind: eine extrem geringe Abhängigkeit vom Konjunkturzyklus, starke Cash-Flow-Generierung, solide Bilanzen und relative Widerstandsfähigkeit gegenüber einem dauerhaft starken Franken. Obwohl die wiederkehrenden Debatten über die Preisgestaltung von Medikamenten in den USA weiterhin Wachsamkeit erfordern, bleiben sie in einen Rahmen eingebettet, der nun besser balanciert, schrittweise und weitgehend vom Markt getragen ist.
Haupt-Risiken
- Innenkonsum unter Druck: Wenn der Konsum bisher eine konjunkturelle Stütze war, könnte seine Fähigkeit, die Wirtschaft 2026 zu tragen, schwächer werden. Der Arbeitsmarkt zeigt Anzeichen einer Normalisierung, mit einem Rückgang der Neubeschäftigungen und einem allmählichen Anstieg der Arbeitslosigkeit, ausgehend von historisch niedrigen Niveaus. Die Zuwächse realer Löhne bleiben positiv, jedoch geringer als in den Vorjahren. In einem Umfeld schwacher Wachstumsrate ist das Risiko nicht der Kollaps des Konsums, sondern eine abwartende Haltung der Haushalte, die sich stärker auf die inländische Dynamik auswirken könnte, falls der Sektor der Fertigung nach fast drei Jahren Krise nicht zu einem neuen Rückgrat wird.
- Persistierender starker Franken und deflationäre Risiken: Der Franken bleibt strukturell gefragt, sowohl wegen seiner Fundamentaldaten als auch wegen seines Status als sicherer Hafen. Auch wenn einige deflationäre Druckquellen im Verlauf des Jahres abklingen könnten, bleibt eine dauerhaft starke Währung auf die Margen der Exporteure und auf die Preisentwicklung belastend. Inflation nahe Null, teils leicht negativ, begünstigt Verhaltensweisen des Abwartens sowohl bei Konsumenten als auch bei Unternehmen. Die SNB verfügt über Instrumente, um diese Effekte zu limitieren, aber ihr Spielraum ist begrenzt, und der Einsatz negativer Zinsen ist nicht wünschenswert, solange das Wirtschaftswachstum nicht ernster leidet.
- Geopolitische Risiken: Die geopolitischen Spannungen bleiben eine permanente Hintergrundgeräusch. Restliche Handelskonflikte, politische Unsicherheiten in den USA, Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten: Keines davon bildet das zentrale Szenario, aber alle stellen potenzielle exogene Schockquellen dar. In einem Umfeld mit ohnehin geringer Wachstumsdynamik könnten solche Ereignisse rasch das Vertrauen und die Sichtbarkeit beeinträchtigen. Und letztlich könnte dies die Schweizer Währung weiter stärken, was die Aufgaben der Exportindustrie und der SNB zusätzlich erschweren würde.
