Am Basler Rheinhafen sollte ein neues Vorzeigequartier entstehen, mit kurzen Wegen, viel Grün und energieeffizienter Bauweise. Von aussen wirkt die Anlage mit ihren Backsteinfassaden und den grosszügigen Terrassen wie ein gelungenes Leuchtturmprojekt. Doch hinter den Fassaden berichten Eigentümerinnen und Eigentümer von Mängeln, Intransparenz und zähen Verfahren – und davon, wie der Alltag zunehmend von Sorgen geprägt ist.
Mehrere Verfahren wegen Baumängeln
Seit der Bezugsphase häufen sich Hinweise auf Ausführungsfehler. Eigentümerinnen und Eigentümer listen Risse, feuchte Wände und versetzte Platten auf den Aussenbereichen auf. In einzelnen Wohnungen klemmen Türen, Fenster lassen sich wegen zu hoher Bodenbeläge kaum öffnen, und Duschabtrennungen reagierten empfindlich auf Temperaturwechsel. Eine Schweigeminute bei der Bauabnahme? Eher nicht – eine Bewohnerin sagt: «Bei der Einweihung standen wir schon im Wasser.»
- Sichtbare Risse in Decken und Wänden
- Mangelhafte Abdichtung an Fassaden und Terrassen
- Fehlneigungen bei Aussenflächen mit Stauwasser
- Klemmen von Türen und Fenstern
- Wiederkehrende Störungen an der Haustechnik
Mehrere Einzelklagen und eine kollektive Mängelrüge sind inzwischen pendent. Die zuständige Baugenossenschaft verweist auf ein laufendes Expertiseverfahren und will den Abschlussbericht eines gerichtlichen Gutachtens abwarten. Für die Betroffenen ist das zu wenig: «Wenn Probleme auftauchen, ist niemand zuständig.»
Wenn es gewittert, läuft das Wasser
Besonders kritisch: die grosse Dachterrasse im obersten Stockwerk. Durch eine falsche Neigung und unzureichende Entwässerung gelangte bei Starkregen Wasser in den Schacht des Aufzugs, in das Treppenhaus und teils in Wohnungen. Die Folge waren Kurzschlüsse, Schäden am Aufzug und über zwei Monate Stillstand – mitten im Sommer, für ältere Personen und Menschen mit Mobilitätseinschränkungen ein handfestes Problem. Provisorische Rillen in der Terrasse sollen das Wasser besser ableiten, doch das Vertrauen ist erschüttert: «Bei jedem Gewitter sind wir in Alarmbereitschaft.»

Streit um Zähler und Nebenkosten
Zunehmend explosiv ist auch die Debatte um Zähler und Abrechnungen für Heizung, Warm- und Kaltwasser. Eigentümerinnen und Eigentümer beklagen unklare Verträge, verzögerte Abrechnungen und Tarife, die deutlich über früher kommunizierten Ansätzen liegen. Teilweise steht der Vorwurf im Raum, dass private Stockwerkeigentümer indirekt auch für Verbrauch in vermieteten Einheiten der Genossenschaft zahlen mussten – ein Punkt, den die Verwaltung bestreitet. Man verweise auf Beschlüsse der Eigentümerversammlung und auf Unterlagen, die im Extranet bereitstünden.
Für Juristinnen und Juristen ist klar: In der Schweiz greifen Gewährleistungsfristen und klare Formvorschriften für Beschlüsse. Ob Quoren korrekt waren und ob die Kostenverteilung rechtens ist, dürfte letztlich ein Gericht klären. Bis dahin bleibt der Frust: «Wir stossen auf eine Mauer. Alles Wesentliche liegt vor – nur bei uns kommt es nicht an.»
Offenes Parkhaus sorgt für Unsicherheit
Neben den Mängeln im Bau beklagen die Bewohnerinnen und Bewohner ein fast leeres, aber zugängliches Parkhaus mit rund 400 Plätzen. Türen lassen sich teils ohne Schlüssel öffnen, Zugänge sind unübersichtlich, und die Anlage gilt als Anziehungspunkt für Unbefugte. Die Stadt verweist auf Kontrollen, Videoüberwachung und Rundgänge. Dennoch berichten Anwohnende von wiederkehrenden Zwischenfällen – und von der Angst, dass über das Parkhaus auch Gemeinschaftsflächen erreichbar seien. Hinzu kommen Tarife, die mit 60 bis 90 Franken im Monat für viele als «zu hoch» gelten, je nach Zonierung und Adresse.

«Wir haben nur noch die Kraft zum Weinen» – und zum Weitermachen
Die Stimmung im Quartier schwankt zwischen Wut und Erschöpfung. Viele wollten hier ihren Lebensmittelpunkt finden, heute denken manche schon an Verkauf. Eine Eigentümerin bringt es auf den Punkt: «Es war ein Fest, hier einzuziehen. Jetzt wünsche ich mir nur Lösungen.» Trotz Ermüdung formiert sich Widerstand: Ein Sammelverfahren, weitere Gutachten und Gespräche mit der Stadt sind geplant. Ziel ist es, kurzfristig Sicherheit zu schaffen und langfristig Vertrauen zurückzugewinnen.
Worauf die Bewohnerschaft jetzt setzt:
- Unabhängige, rasche Expertisen mit klaren Fristen
- Verbindliche Provisorien gegen Wassereintritt
- Vollständige, transparente Nebenkostenunterlagen
- Verbesserte Zutrittskontrollen im Parkhaus
- Moderierte Runden Tische zwischen Verwaltung, Genossenschaft und Eigentümerrat
Zwischen Versprechen und Realität klafft im Basler Rheinhafen derzeit eine spürbare Lücke. Ob sie sich schliessen lässt, hängt von Ehrlichkeit, professioneller Mängelbehebung und einer Kommunikation ab, die diesen Namen verdient. Bis dahin bleibt den Menschen vor Ort ein Alltag, der mehr Nerven kostet als geplant – und die Hoffnung, dass aus dem Leuchtturm endlich ein Zuhause wird.
