Ein Bauwerk, das die weltweite Skyline neu definiert, wächst in Saudi-Arabien in den Himmel – mehr als dreimal so hoch wie der Eiffelturm, mit dem Ziel, die Marke von einem Kilometer zu knacken. Doch je höher die Pläne, desto lauter die Debatte, gerade auch aus einer Schweizer Perspektive, in der Effizienz und Klimaeffekte traditionell kritisch gewichtet werden.
Die Vision begeistert viele, weil sie Ingenieurskunst und Symbolik vereint, aber sie beunruhigt andere, weil Kosten, Klima- und Nutzungsfragen offenbleiben. Zwischen Faszination und Skepsis rückt ein Projekt ins Rampenlicht, das zur Chiffre für Ambition – und für Kontroverse – geworden ist.
Ein Projekt am Limit – mit neuem Schwung
Die Jeddah Tower, einst als „Kingdom Tower“ angekündigt, wurde von Stararchitekt Adrian Smith entworfen, dessen Büro auch hinter dem Burj Khalifa steht. Die Form erinnert an eine aufstrebende Wüstenpflanze: asymmetrisch, schlank und scheinbar organisch.
Nach einem Baustopp 2018 kehrte 2025 das Leben zurück auf die Baustelle, mit Turner Construction, der Bin-Laden-Gruppe und Dar Al‑Handasah als prägenden Akteuren. Inzwischen ist ein Takt von etwa einem Geschoss alle vier Tage Realität, und die Silhouette wächst Schritt für Schritt.
„Das ist Ingenieurskunst am **Limit** – faszinierend, aber nur zu rechtfertigen, wenn die ökologischen **Hausaufgaben** gemacht werden.“
Fundamente wie bei einem Staudamm, Technik wie eine Stadt
Die Basis ist gewaltig: rund 3’200 m² Grundfläche, eine bis zu 5 Meter starke Bodenplatte und 270 Pfähle, die etwa 105 Meter tief in den Untergrund greifen. Der verwendete Beton gilt als ultra-hochfest, die Struktur als „core buttress“, die klassische Strebewerke ersetzt.
Auch vertikal denkt das Projekt in Städtekategorien: 59 Aufzüge, teils als Doppelstock‑Systeme, mit Sky-Lobbies und Pumptechnik, die Beton in extreme Höhen fördert. Geplant sind Wohnungen, Büros, ein Four Seasons Hotel auf mittleren Ebenen sowie das wohl höchste Aussichtsdeck der Welt bei rund 644 Metern.
Ökonomische Schaufenster – und Schweizer Interessen
Der Turm ist Teil der Jeddah Economic City, einem Milliardenprojekt im Zeichen von „Vision 2030“. Das Gesamtvolumen wird auf umgerechnet rund 18 Milliarden CHF geschätzt, je nach Wechselkurs und Projektumfang variierend.
Für Schweizer Firmen liegen Chancen bei Fassadentechnik, Spezialwerkstoffen, Brandschutz und Gebäudeautomation. Gleichzeitig achten Schweizer Investoren traditionell auf Risikostreuung, Governance und ESG‑Kriterien, was Engagements in Mega‑Projekten besonders prüfintensiv macht.
Klimabilanz und Küstenlage sorgen für Kritik
Die Baustoffmengen sind enorm: rund 500’000 m³ Beton und 80’000 Tonnen Stahl bedeuten einen immensen CO₂‑Rucksack bereits vor der Eröffnung. Schätzungen sprechen von über 200’000 Tonnen Emissionen allein in der Errichtungsphase, je nach Methodik.
Kritiker sehen eine „Vanity Tower“, deren zusätzliche Geschosse energetisch immer schlechter zu nutzen sind. Befürworter verweisen auf dichte Nutzung, moderne Technik und mögliche Effizienzgewinne im Betrieb.
- Pro: starke Symbolwirkung, touristische Attraktivität, Verdichtung statt Zersiedelung
- Contra: hohe graue Energie, Wartungsaufwand in der Höhe, Fragilität an der Küste
- Relevanz CH: Konflikt zwischen Netto‑Null‑Zielen der SIA und Faszination für Ikonen
- Offene Punkte: Wassermanagement, Windlasten, mikroklimatische Effekte im Quartier
Die Lage nahe der Rotmeerküste ist sensibel, denn Urbanisierung belastet bereits Ökosysteme und Infrastruktur. Trotz hocheffizienter Gläser und Rückgewinnungssysteme bleiben Fragen nach Resilienz gegen Wind, Erosion und Meeresspiegel.
Der Schweizer Blick: Maß, Nutzen und Klima
Die Schweiz kennt Hochhäuser, aber mit anderer DNA: Der Roche‑Turm in Basel (bis 205 m) oder die Prime Tower in Zürich (126 m) setzen auf Funktion, Standortverträglichkeit und Minergie‑Standards. Debatten drehen sich um Mobilität, Schattenwurf, Windkanäle und soziale Durchmischung – nicht um Höhenrekorde.
Gerade deshalb wird die Jeddah Tower hierzulande als Prüfstein für Prioritäten gelesen: Zählt das sichtbare Spektakel mehr als die unsichtbare CO₂‑Bilanz? Sind Quartierqualität, Erreichbarkeit und Resilienz wirklich mitgeplant? Und kann ein solches Symbol nachhaltige Innovation anstossen?
Am Ende könnte der Turm zweierlei werden: ein Lehrbuchbeispiel für extrahohen Ressourcenverbrauch oder ein Labor für radikal effiziente Systeme im Extremformat. Für die Schweiz lohnt ein offener, aber kritischer Blick – mit der nüchternen Frage, welchen Mehrwert solcher Höhenflug für Stadt, Klima und Gesellschaft tatsächlich stiftet.
