Politische Reden und militärische Entwicklungen in der Region deuten darauf hin, dass der Konflikt seinem Höhepunkt nahe ist. Per Definition geht eine solche Krise mit Überraschungen einher, und die Dauer der Militäraktionen gehört dazu. Eine weitere Überraschung besteht in der Resilienz des Ölmarktes, die vor allem durch die schnelle und stärker als erwartet erfolgte Errichtung alternativer Versorgungswege veranschaulicht wird.
Unter Berücksichtigung der regionalen Nachfrage, der alternativen Exporte in Richtung Rotes Meer, Golf von Oman und Mittelmeer sowie der schrittweisen Wiederaufnahme der Handelsströme über die Straße von Hormuz scheint die Störung eher bei etwa 8% des weltweiten Ölangebots zu liegen, möglicherweise sogar weniger. Der Rückgang der Versorgung hat sich seit den ersten Kriegstagen deutlich abgeschwächt, was entscheidend ist, da es den notwendigen Spielraum eröffnet, um die monumentale Aufgabe der Wiederherstellung globaler Ölversorgung zu bewältigen. Während der Konflikt seine fünfte Woche erreicht, sollten sich die Auswirkungen dieser Anpassungen in den Daten zeigen.
Die Lieferketten für Ölprodukte werden sich vermutlich länger anpassen als jene für Rohöl.
Das deutlichste heutige Anzeichen ist der starke Rückgang der Ölvorräte auf See, die theoretisch etwa 70% des bisherigen Versorgungsdefizits ausgeglichen haben. Überraschenderweise beobachten wir bisher noch keinen ähnlichen Rückgang der Inlandsvorräte in Singapur, Europa oder den Vereinigten Staaten, doch dieser sollte sich bald zeigen.
Die Lieferketten für Ölprodukte werden sich voraussichtlich langsamer anpassen als jene des Rohöls, bedingt durch ihre geringere Größe und die größere Komplexität. Wir erwarten, dass sich diese Anpassungen sich stärker in den jeweiligen regionalen Lagerbestandsdaten zeigen.
Auf lange Sicht sollten wir ein klareres Bild davon erhalten, in welchem Ausmaß die Lagerdynamik, die besonders in einigen Regionen Südostasiens und Australiens verbreitet ist, vorübergehend zu einer Verschärfung der Versorgungsknappheit beigetragen hat. Mit dem Frühling sollten Raffinerien den Versorgungsschock abfedern. Die Verlegung von Wartungsarbeiten sowie eine Erhöhung der Produktionsraten sollten den Mangel an Ölprodukten teilweise ausgleichen.
Dank der massiven Investitionen Chinas und der Erweiterung seiner Raffineriekapazitäten existieren Reservekapazitäten in Japan, Südkorea und Europa, die, abhängig von der Verfügbarkeit von Rohöl, den stärker ausgeprägten Versorgungsschock bei Ölprodukten mildern können. Diese wahrscheinlichen Entwicklungen ergänzen die schrittweise Wiederaufnahme des Handels mit dem Iran rund um die Straße von Hormuz, eine Tendenz, die zweifellos am besten die Anpassungsfähigkeit des Ölmarktes gegenüber Preisschocks illustriert. Die Nachfrage asiatischer Abnehmer, die wenig sensibel auf den Konflikt reagieren, nach Öl aus der Golfregion bleibt stark und begünstigt die fortlaufende Einrichtung dieser Versorgungsroute.
Eine Verschiebung der Militärstrategien hin zu Bodentätigkeiten könnte jedoch kurzfristig diese Versorgungsroute gefährden. Die Dynamik des Krieges im Iran hat sich entwickelt, und bei einem möglichen nahen Höhepunkt des Konflikts sollten die Märkte weiterhin sehr nervös bleiben. Wir halten unsere neutrale Einschätzung aufrecht und gehen davon aus, dass die Ölpreise dem üblichen Muster einer sehr starken, aber kurzen Preisrally folgen.
