Dramatische Wohnungsnot in der Schweiz: Junge Arbeitnehmende verzweifeln am blockierten Mietmarkt

Ein Markt, der kaum Luft lässt

In Städten wie Zürich und Genf ist die Leerwohnungsziffer seit Jahren extrem niedrig, oft deutlich unter 1%. Für junge Angestellte bedeutet das ständige Wartelisten, Massenbesichtigungen und Absagen am laufenden Band. Selbst wer einen soliden Arbeitsvertrag hat, erlebt die Wohnungssuche als Lotterie, in der Kontakte oft mehr zählen als Leistung. Die Folge ist Druck, der sich in den Alltag und die Gesundheit frisst.

Viele Berufsanfängerinnen und Berufsanfänger wohnen deshalb länger in WGs oder pendeln aus günstigeren Agglomerationen. Ein Studio in Zürich kostet schnell 1’600 bis 2’100 Franken, zuzüglich Nebenkosten und höherer Versicherungsprämien. Wer netto 3’800 bis 4’500 Franken verdient, überschreitet rasch die Schmerzgrenze, wenn mehr als ein Drittel fürs Wohnen draufgeht. Die Realität zeigt jedoch Quoten von 40% und mehr, vor allem in den ersten Berufsjahren.

Zwischen Startlohn und Kaution

Lea, 24, arbeitet als Pflegefachfrau in Zürich und verdient rund 4’300 Franken netto. Für ein 1-Zimmer-Apartment verlangt der Markt 1’750 Franken, plus 200 Franken Nebenkosten und eine Kaution von drei Monatsmieten. Damit sind auf einen Schlag über 5’000 Franken blockiert, was die Liquidität stark belastet. Der scheinbar sichere Lohn kollidiert mit starren Vorgaben zu Einkommen und Bonität.

Gefordert werden fast immer Betreibungsauszug, aktuelle Lohnabrechnungen und ein vollständiges Dossier mit Referenzen. Das ist verständlich aus Sicht der Vermieter, trifft aber junge Erwerbstätige mit kurzen Arbeitsverträgen oder befristeten Projekten besonders hart. Wer erst seit kurzem in der Schweiz ist, besitzt keinen Betreibungsregisterauszug und fällt deshalb oft durch das formale Raster. So verstärkt sich ein Teufelskreis, in dem Unsicherheit neue Unsicherheit erzeugt.

„Es ist, als müsste ich jeden Tag meine eigene **Seriosität** beweisen, obwohl ich längst alles **richtig** mache.“

Psychische Belastung und soziale Folgen

Die ständige Suche nach Wohnraum kostet junge Berufstätige Zeit, Kraft und Nerven. Viele verschieben Familienplanung, Weiterbildungen oder den Wechsel in einen besseren Job, nur um die bestehende Adresse nicht zu verlieren. Das fördert Stillstand, obwohl die Wirtschaft eigentlich Mobilität und Lernbereitschaft braucht. Wer sich nicht verankern kann, verliert mit der Zeit auch Zugehörigkeit und Zufriedenheit.

In Beratungsgesprächen des Mieterverbands berichten junge Menschen von Erschöpfung, Scham und wachsenden Schulden durch Zwischenlösungen. Kurze Zwischenmieten, Hotelnächte und lange Pendeldistanzen werden zur teuren Normalität. Gleichzeitig nimmt der soziale Druck zu, bei Bewerbungen immer noch ein Quäntchen mehr herauszuholen. Wo der Markt so eng ist, erscheinen Grauzonen plötzlich verlockend – ein gefährlicher Trugschluss.

Was jetzt politisch und betrieblich helfen kann

  • Mehr gemeinnützigen Wohnungsbau fördern und Baubewilligungen beschleunigen.
  • Temporäre Zwischennutzungen für junge Erwerbstätige systematisch öffnen.
  • Transparente Vergabekriterien und digitale Wartelisten in Städten einführen.
  • Arbeitgeberseitig Kontingente für Mitarbeitenden-Wohnungen oder Housing-Stipendien.
  • Steuerliche Anreize für Untermiete und kleinere Erstwohnungen.
  • Bessere ÖV-Anbindung der Peripherie und geförderte Pendlerabos.

Solche Massnahmen entlasten nicht nur junge Arbeitnehmende, sondern stabilisieren auch Arbeitsmärkte in Branchen mit akutem Fachkräftemangel. Gerade im Gesundheitswesen, in der IT und der Gastronomie entscheidet Wohnraum zunehmend über Rekrutierung und Bindung. Wer den Einstieg erleichtert, stärkt Produktivität und soziale Kohäsion zugleich. Das zahlt sich für Städte wie Zürich, Genf und Lausanne doppelt aus.

Praktische Schritte für Betroffene

Ein vollständiges Dossier vor der ersten Besichtigung spart Zeit und erhöht die Chancen. Dazu gehören aktueller Betreibungsauszug, Arbeitsvertrag, letzte Lohnabrechnungen und eine kurze Selbstbeschreibung. Wer flexibel bei Quartier, Etage oder Ausbau ist, erweitert den realistischen Suchradius. Frühzeitige Benachrichtigungen auf Portalen und schnelle Rückmeldungen wirken ebenfalls entscheidend.

Sinnvoll sind auch Zwischenlösungen wie befristete Untermiete oder moderierte WG-Modelle. Viele Arbeitgeber bieten inzwischen Relocation-Services oder interne Netzwerke an, die man aktiver nutzen sollte. Beratung durch den Mieterverband oder die ASLOCA hilft bei Fragen zu Mietrecht und Kaution. Wichtig bleibt, rechtliche Grenzen zu respektieren und keine riskanten Abkürzungen zu gehen.

Am Ende braucht es Geduld, Transparenz und kollektiven Willen, den Einstieg ins Erwerbsleben nicht am Wohnungsschlüssel scheitern zu lassen. Die Schweiz lebt von Chancen, die ohne bezahlbaren Wohnraum verblassen. Jede zusätzliche Tür, die sich öffnet, vergrössert nicht nur individuellen Spielraum, sondern auch das gemeinsame Wohlstandspotenzial. Wer heute klug steuert, verhindert die Engpässe von morgen.

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