Dutzende Wohnungen in einer engen Straße in Genf – ein Anwohner kämpft gegen ein umstrittenes Bauprojekt

Zwischen Altbauten und Baustellenplänen herrscht in Genf ein spürbares Knistern. Die Stadt braucht mehr Wohnungen, doch die Nachbarschaft fühlt sich bei einem besonders verdichteten Vorhaben bedrängt. Auf wenigen Metern Straße prallen Visionen und Lebensrealität aufeinander.

Die Rue des Sources, eine schmale Verbindung im Quartier Plainpalais, ist zur Frontlinie geworden. Geplant sind rund 68 neue Wohnungen, verteilt auf zwei kompakte Bauten, verbunden durch einen Innenhof. Für die einen ist es Fortschritt, für die anderen Übergriff.

Die enge Straße und das große Vorhaben

Die Gasse misst knapp zehn Meter von Fassade zu Fassade, der Gehsteig ist an manchen Stellen kaum kinderwagentauglich. Das Projekt sieht sieben Geschosse vor, mit Ateliers im Erdgeschoss und einer Tiefgarage mit 24 Plätzen. Laut Bauträger soll es eine energieeffiziente Holz-Hybrid-Struktur bekommen, mit Solarpaneelen und begrünten Dächern.

Die Bauherrschaft verweist auf die Wohnungsnot und eine kantonale Strategie der gezielten Verdichtung. „Wir schaffen leistbaren Raum und halten die LCI-Vorgaben ein“, sagt Sophie Rey, die Projektleiterin. Die LCI – Genfs Baugesetz – setzt den Rahmen für Höhe, Abstände und Schattenwurf.

Ein Anwohner stemmt sich dagegen

Der Widerstand hat einen Namen: Luca Morel, seit 20 Jahren im Viertel, hat Einsprache erhoben. „Diese Straße atmet kaum, und dieser Bau nimmt uns das letzte Licht“, sagt Morel. Er spricht von Nachtruhe, von Sicherheitsrisiken für Schulkinder und von Mikroklima im Sommer.

Seine Wohnung im dritten Stock liegt gegenüber der geplanten Ecke, wo die Fassade einen Versprung macht. „Schon jetzt ist der Himmel ein schmaler Streifen, bald ist er nur noch ein Spalt“, erklärt Morel. Er hat Unterschriften gesammelt, Fotos von Schatten dokumentiert und ein Gutachten zum Luftaustausch in Auftrag gegeben.

Worum konkret gestritten wird

Die Debatte entzündet sich an Details, die im Alltag spürbar sind. Ein Paketbote, der mit Transporter und Warnblinker das Nadelöhr verengt. Ein Müllfahrzeug, das morgens lange rangieren muss. Kinder, die zwischen Fahrrädern und Autos Zickzack laufen. Der geplante Innenhof könnte zwar grün werden, bleibt aber im Erdgeschoss fast den ganzen Winter im Schatten.

„Wir haben die Anlieferung auf Vormittage beschränkt und die Fahrradplätze verdoppelt“, hält Rey dagegen. Ein Stadtplaner aus dem Departement betont die Abwägung: „Die Klimaziele verlangen dichte Quartiere, doch es braucht Feingefühl auf engen Parzellen.“

Nutzen und Belastung im Vergleich

Kriterium Bestehende Situation Geplantes Projekt
Verkehrsaufkommen niedrig–mittel höher, ca. +25%
Lärmbelastung moderat spürbar erhöht
Schattenwurf kurz/mittel länger am Nachmittag
Grünanteil verstreut Innenhof, Dachbegrünung
Mieten stabil–hoch neu, mittleres Segment
Energie alt, sanierungsbedürftig effizient, PV-Integration
Parkplätze knapp Tiefgarage, Bike-Flächen
Sozialstruktur gemischt, altlastig durchmischt, Zuzug

Die Tabelle zeigt die Spannung: Mehr Wohnraum, aber auch mehr Dichte. Bessere Energiekennwerte, dafür mehr Schatten. Ein Innenhof mit Grün, doch weniger Weite auf der Straße.

Die strittigsten Punkte auf einen Blick

  • Mehr Verkehr bei ohnehin schmalen Fahrbahnen, inklusive Lieferlogistik und Feuerwehrzufahrt.

Stimmen aus dem Quartier

„Ich will nicht verhindern, ich will verbessern“, sagt Morel. Er fordert zwei Geschosse weniger, einen Rücksprung zur Straße und eine Fassade, die Licht reflektiert statt schluckt. „Es geht um Proportion, nicht um Blockade.“

Eine Nachbarin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, klingt pragmatischer: „Wenn die Mieten fair sind und der Hof offen, kann es funktionieren.“ Die Bauherrschaft signalisiert Dialog: „Wir prüfen Belichtung, Materialität und Mobilität erneut“, so Rey.

Rechtlicher Rahmen in Genf

Im Kanton gelten klare Schritte: Auflage, Einsprachen, kantonale Prüfung, mögliche Rekursinstanzen bis zum Verwaltungsgericht. Die Bau- und Zonenordnung definiert Höhen, Abstände, Baumassenziffern und Freiräume. Ein Schattenstudium ist in engen Straßen oft entscheidend, ebenso die Sicht auf Fluchtwege.

In Streitfällen wägen die Behörden zwischen öffentlichem Interesse an Wohnraum und konkreter Quartierverträglichkeit ab. Wird eine Überarbeitung verlangt, betrifft sie häufig Traufhöhen, Rücksprünge, Nutzungen im Erdgeschoss oder die Parkierung.

Was jetzt passieren könnte

Die Einsprache von Morel liegt der Stelle vor, eine Stellungnahme der Bauherrschaft ist bereits eingereicht. Möglich ist eine Kompromisslinie mit leicht reduzierter Höhe, einem helleren Materialmix und einem Mobilitätskonzept, das Lieferzonen und Lastenräder priorisiert.

Die Zeit drängt, denn die Baubewilligung ist an Fristen gebunden. Gleichzeitig wächst der Druck auf den Wohnungsmarkt, der nach pandemiebedingten Verzögerungen wieder anzieht. „Wir brauchen Tempo, aber nicht um jeden Preis“, sagt der Stadtplaner.

Am Ende entscheidet wohl die Finesse: ein Meter weniger, ein Hof mehr, eine Fassade mit Glanz statt Dumpfheit. In der Rue des Sources zeigt sich, wie verdichtete Städte Zukunft bauen – und wie Nachbarschaften ihre Stimme erheben.

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