Wer durch Hallau im Kanton Schaffhausen fährt, entdeckt plötzlich einen ungewöhnlichen Ort an der alten Tankstelle. Wo früher Zapfsäulen ratterten, ist seit 2021 ein Atelier für szenografische Kreationen entstanden. Der neue Besitzer, Brice Goillot, hat die verwaiste Infrastruktur in ein offenes Labor verwandelt, das er Künstlerinnen und Künstlern zur Verfügung stellt. Aus einer nüchternen Gewerbefläche wurde ein lebendiger Kulturpunkt, der Dorf und Region neu miteinander verbindet.
Vom Benzingeruch zur Bühnenluft
Das Gebäude aus den Fünfzigern behielt seine klare Linie, doch innen atmet es heute Ideen, Wagnis und Handwerk. Goillot spricht von einem ersten Kapitel, das er mit dem befreundeten Designer und Künstler Stéphane Maguet schrieb. Gemeinsam machten sie die Räume prozesshaft nutzbar, mit mobilen Wänden, hängenden Trägersystemen und einer Werkbank, auf der die Szenografie als Erzählung Form annimmt. Die frühere Zapfsäuleninsel ist nun ein kleiner Vorplatz, auf dem Gespräche beginnen, Skizzen entstehen und Nachbarn neugierig stehenbleiben.
Ein philosophischer Pinselstrich
Maguet war erst Philosoph, eröffnete später eine Galerie und wechselte nach zwei Jahrzehnten selbst auf die Seite der Kunst. Seine Einflüsse sind vielstimmig, von griechischer Mythologie über Filme der 1950er bis zu religiöser Malerei und polnischen Wurzeln. Er liebt das Spiel mit Zitaten, ohne in Nostalgie zu verfallen, und sucht das Heute in den Rissen der Bilder. „Ich will das Absurde auf die Bühne heben und mit Satire eine Welt malen, die am Rand kippt – eine Liebesgeschichte, voller Tanz und Sturz“, sagt er mit ruhiger Stimme.
Kleine Skizzen, grosse Wände
Drinnen hängen Blätter im Kleinformat, draussen atmen die Mauern grossflächige Szenen. Viele Striche, Punkte, feine Schraffuren und sparsame Farben lassen Figuren aus dem Untergrund auftauchen. Motive schimmern als Anspielungen: Ein Echo von „Planet der Affen“, ein Seitenblick auf „Taxi Driver“ und der punkige De Niro in neuem Gewand. Dazwischen tanzt ein Kosake, vielleicht ein Bote der eigenen Herkunft, und irgendwo schwirrt Amor, der Pfeile in unsere Gegenwart schiesst. Alles wirkt beweglich, als wollten die Zeichnungen in Volumen überspringen und ein nächstes Leben beginnen.
[Bild: Aussenwand mit grossformatigen Zeichnungen – Quelle: Originalartikel, Le Républicain Langon]
Ein Ort für Austausch
Wer hier verweilt, findet Dialog statt der stillen Verehrung. Besucherinnen und Besucher dürfen fragen, widersprechen, mitdenken und sich von Details fangen lassen. Wer nur das Schöne sucht, wird ebenfalls belohnt, denn die Kompositionen tragen eine klare Ästhetik ohne gefällige Glätte. Das Atelier wurde bewusst als Dorfadresse gedacht: Schulklassen kommen zum Schauen, Winzerinnen bringen Trauben, und am Abend leuchten Projektionen über die Fassade ins Rebberglicht. Nachhaltigkeit ist kein Slogan, sondern reale Umnutzung – die Tankstelle dient dem Gemeinwohl, und die Kunst tankt Menschen auf.
- Geführte Atelierbesuche an Wochenenden, auf Anmeldung
- Wandbilder unter freiem Himmel, wechselnde Interventionen
- Offene Werkstatt für Jugendliche aus der Region
- Abendliche Projektionen mit Filmzitaten und Live-Zeichnung
- Kaffee und Sirup aus Hallauer Produktion
Formen, die Geschichten tragen
Maguets Linien sind präzise, doch bewusst fragil, als hielten sie die Welt nur für einen Augenblick. Das Spielerische trifft auf Ernst, die Ironie auf leise Trauer, und daraus entsteht jene Reibung, die Kunst in Erfahrung verwandelt. Goillot kuratiert diese Reibung klug, lässt Pausen zu und schafft Momente, in denen ein Detail plötzlich die ganze Wand erklimmt. So wird die ehemalige Tankstelle zum Probefeld für Szenografie, die nicht nur Bühnen baut, sondern Haltungen.
[Video: Dailymotion-Einbettung aus dem Originalartikel – „Vidéos: en ce moment sur Actu“]
Praktische Infos
Das Atelier „Juicy Creation Hallau“ befindet sich an der Hauptstrasse 43, 8215 Hallau. Geöffnet bis zum 25. September, jeweils 11–18 Uhr am Wochenende und unter der Woche nach Vereinbarung. Der Eintritt ist frei; Spenden ab 10 Fr. unterstützen Material und Workshops. Anfahrt per Postauto ab Schaffhausen, Haltestelle „Hallau Dorf“, fünf Minuten zu Fuss. Kontakt: info@juicy-creation-hallau.ch für Anfragen, Führungen und Klassenbesuche.
In Hallau zeigt sich, wie eine unscheinbare Hülle zu einem einmaligen Ort werden kann. Was früher Motoren nährte, nährt heute Vorstellungskraft und Nachbarschaft. Genau darin liegt die Schweizer Pointe: aus dem Bestand denken, mit Sorgfalt umbauen und der Gemeinschaft etwas zurückgeben, das mehr ist als nur ein Raum – nämlich eine Geschichte, die weitergeschrieben werden will.

Im Titel wird einkleines Dorf in GRAUBÜNDEN genannt.Hallau ist aber Schaffhausen!!!