Sie ist 74, heisst Maria (Name geaendert) und lebt zwischen Lausanne und dem Waadtlaender Hinterland. Seit Monaten pendelt sie zwischen dem Auto, dem Gaestezimmer von Bekannten und dem Sofa einer 80-jaehrigen Freundin. Ihre Koffer sind immer offen, ihre Dokumente stets griffbereit, die Hoffnung mal gross, mal zart. Was wie eine Uebergangsphase begann, ist zu einem Dauerzustand geworden. Die Suche nach einer bezahlbaren Wohnung in der Schweiz gleicht fuer sie einem Hindernislauf. Sie sagt leise, aber fest: "Ich trage so viel Wut in mir."
Ein Leben voller Arbeit
Maria wuchs im Kanton Waadt auf und begann mit 14 in einer kleinen Fabrik zu arbeiten. Spaeter wechselte sie zu einem Grossverteiler, erst in die Frischeabteilung, dann in die Metzgerei. Nach einer Fussoperation landete sie an der Kasse, wo sie mit Geduld und Humor ihren Arbeitstag trug. Ueber 30 Jahre bezahlte sie Sozialabgaben, vertraute auf AHV und Pensionskasse. 2002 liess sie sich scheiden, der Mann war weg, das Haus Geschichte, das Budget eng. "Er hat mich fallen gelassen wie eine alte Socke", sagt sie ohne Bitterkeit, doch mit Klarheit. In der Pension entdeckte sie wieder das Tanzen, das Singen, das Unterwegssein mit Freundinnen.
Miete verdoppelt in drei Monaten
Bis zum letzten Jahr lebte sie allein in einer kleinen Wohnung am Stadtrand. Dann kamen energetische Sanierungen: neue Fenster, Waermepumpe, Solarpanels, ein frisch glaenzender Lift. Der Vermieter kuendigte Modernisierungen an – und kuerzlich die Mieterhoehung. Aus rund 1’100 Franken wurden in wenigen Monaten fast 2’000 Franken. Mit einer schmalen Rente war die Luecke ploetzlich nicht mehr zu schliessen. Maria zog aus, um nicht in die Verschuldung zu rutschen, und sagte sich: ein paar Wochen, dann finde ich etwas.
"Ich bin keine Obdachlose, aber ich spuere, wie die Grenze naeher rückt."
Papierkrieg und skrupellose Vermieter
Seither hat sie Dutzende Inserate beantwortet, zig Bewerbungsdossiers verschickt, unzaehlige Besichtigungen absolviert. Ueberall werden Betreibungsauszug, Belege der Rente, Referenzen und am liebsten ein privater Buergschaftsgeber verlangt. Maria hat keine Kinder und will Freunde nicht in finanzielle Pflichten ziehen. "Ich habe immer puenktlich gezahlt, aber Papier ist manchen wichtiger als Punktlichkeit", sagt sie. Einmal verlangte eine Agentur eine hohe "Reservierungsgebuehr" schon vor der Besichtigung – die Rueckerstattung blieb nach der Absage aus. Ein anderes Mal war die Wohnung perfekt, doch am naechsten Tag war sie trotz Zusage schon weg. "Manche nutzen die Not aus, andere scheinen sich gar nicht bewusst, was diese Lage anrichtet."
Wege aus der Sackgasse
In der Beratung von Pro Senectute erfuhr sie von zusaetzlichen Leistungen und moeglichen Ueberbrückungen. Die Sozialdienste der Gemeinde boten eine Notunterkunft an, doch Maria sucht vor allem Stabilitaet. Sie meldete sich bei Wohnbaugenossenschaften, wo die Mieten oft tiefer sind, aber die Wartelisten lang. Eine Mietkautionsversicherung statt Bardepot koennte die Huerden senken, doch ohne Zusage bleibt es ein Papiermodell. Beim Mieterverband fand sie rechtliche Hinweise, wie hoch Kautionen sein duerfen und was bei Ablehnungen gilt.
Was jetzt helfen wuerde
- Eine bezahlbare 1- bis 2-Zimmer-Wohnung im Grossraum Lausanne, Erdgeschoss oder mit Lift.
- Ein Vermieter, der Renteneinkommen und Zahlungsnachweise ebenso anerkennt wie Lohnzettel.
- Zugang zu einer Genossenschaft mit moderaten Mieten und fairen Vergabekriterien.
- Zeitlich befristete Zwischenmiete ohne überzogene Gebuehren oder versteckte Klauseln.
- Lokale Netzwerke, die aelteren Menschen beim Dossier und bei Besichtigungen beistehen.
Mehr als Zahlen und Dossiers
Marias Geschichte ist kein Einzelfall, sondern ein Symptom. Die Leerstandsquote ist niedrig, die Nachfrage hoch, die Regeln komplex, die Zeit knapp und die Lebenslaeufe verschieden. In diesem Klima drohen Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, zwischen Raster und Anspruch zu fallen. Es braucht Vermieter, die auf Werte wie Verlaesslichkeit schauen, und Strukturen, die Seniorinnen und Senioren nicht in Formalitaeten ersticken. Denn hinter jedem Dossier steckt eine Biografie, hinter jeder Zahl eine Kueche, ein Bett, ein kleines Stueck Wuerde.
Am Ende des Tages sitzt Maria im Auto, sortiert Belege, faltet Pullover, denkt an einen Eintopf. "Ich bin keine gute Koechin", sagt sie lachend, "aber nichts ersetzt ein selbst gekochtes Essen in den eigenen vier Waenden." Und fuer einen Moment klingt die Hoffnung wieder lauter als die Wut.
