„Ich bin nicht obdachlos aber ich werde es gerade“ : Maria erzählt von ihrem langsamen sozialen Abstieg in Lausanne

Die Luft über Lausanne ist klar, doch der Boden wankt unter ihren Füßen. In einem Café am Bahnhof erzählt Maria leise, wie sie aus einem geordneten Leben in eine fragile Gegenwart geraten ist. Sie hat noch Wände, noch ein Zimmer, aber die Abstände zwischen Rechnungen, Schichten und kleinen Pausen werden enger.

Sie sagt Sätze wie: „Ich habe noch ein Bett, doch das Abrutschen ist spürbar.“ Und: „Wer einmal die Bremse zieht, merkt, dass der Hang steiler ist, als man denkt.“ Ihr Blick bleibt ruhig, aber in den Händen liegt ein feines Zittern.

Ein Lebenslauf in Schieflage

Vor drei Jahren verlor Maria ihre Vollzeitstelle, zuerst wegen einer Umstrukturierung, dann wegen einer langen Grippe und einer kleinen Operation. Aus befristeten Jobs wurden kurze Einsätze, aus festen Einnahmen ein unsicherer Mix. „Ich kann arbeiten, ich will arbeiten, aber die Takte des Marktes sind hart.“

Die Miete blieb hoch, die Prämien der Krankenversicherung stiegen, die Lebensmittelpreise kletterten weiter. „Ich hatte Rücklagen, aber sie waren endlich“, sagt sie. Heute sind die Konten dünn wie Papier, und jedes Schreiben im Briefkasten schlägt wie ein kleines Gewitter.

Der Alltag am Rand

Morgens geht Maria zu Fuß den steilen Hang hinunter, um zwei Haltestellen zu sparen. Mittag gibt es Pasta, abends Suppe. „Ich habe das Essen neu gelernt: Einfach, günstig, ausdauernd“, erzählt sie. Manchmal lädt sie die Nachbarin ein, manchmal gibt die Nachbarin eine Zwiebel zurück.

Am Wochenende sortiert Maria Belege, verhandelt die Ratenzahlung, schreibt kurze Mails an die Vermieterin. „Ich bleibe transparent, damit niemand erschrickt“, sagt sie. „Ich weiß: Wer schweigt, verliert Zeit.“

  • Ihre kleinen Anker: ein Notizbuch mit Terminen, eine Tupperdose im Rucksack, ein Monatsziel: jeweils 200 Franken irgendwo sparen.

Zahlen und Kontraste

Manche Brüche lassen sich in Zahlen fassen, andere bleiben unsichtbar. „Das Gefühl, nicht mehr dazu zu gehören, findet keine Spalte in der Tabelle“, sagt Maria. Und doch hilft ein kühler Blick, die Lage einzurahmen.

Bereich Früher (2019) Heute (2026)
Beschäftigung Vollzeit, unbefristet Temporär, Teilzeit
Miete 1’150 CHF 1’150 CHF (+ Nebenkosten)
Krankenkasse 290 CHF 420 CHF
Ersparnisse ca. 7’000 CHF unter 500 CHF
Sozialkontakt wöchentliche Treffen sporadische Besuche
Mobilität Abo (ÖV) einzelne Tickets, zu Fuß
Gesundheit stabile Routine Stress, schlechter Schlaf

„Die Zahlen sind nicht alles, aber sie sind eine Linie im Sand“, sagt sie. „Ich sehe, wo ich stand, und wo ich jetzt stehe.“

Was hilft, was fehlt

In Lausanne gibt es Stellen, die auffangen: den Centre social régional, Beratungen von Caritas, die Restos und Secondhand-Shops. „Ich musste lernen, um Hilfe zu bitten, ohne mich zu verstecken“, sagt Maria. „Die Scham ist teurer als jede Rechnung.“

Sie nutzt eine Budgetberatung, schiebt die Franchise nach oben, beantragt eine Prämienverbilligung. „Papier, Nachweis, Stempel, wieder Papier“, seufzt sie. Der Weg ist mühsam, doch er verhindert den großen Sturz.

„Was fehlt? Ein Zwischenraum zwischen stabil und abgehängt“, sagt sie. „Ein Arbeitsvertrag, der atmet, Mieten, die nicht nur nach Quadratmetern, sondern nach Realität berechnet werden.“ Sie wünscht sich Zeit, um wieder aufzubauen, statt nur auszugleichen.

Kleine Taten, große Wirkung

Ein Freund half beim Umzug, um 80 Franken im Monat zu sparen. Eine Kollegin vermittelte zwei Putzstunden pro Woche. „Das klingt winzig, aber es ist Luft“, sagt Maria. „Man kann wieder denken, wenn das Pfeifen im Kopf kurz aufhört.“

Sie führt jetzt ein streng geteiltes Konto: Fixkosten, Variable, und eine Reserve von zehn Franken pro Woche, nur für ein Café mit Blick auf den Lac. „Man muss sich kleine Inseln bauen, sonst wird das Festland zur Fabel.“

Eine leise Forderung

„Ich will kein Mitleid, ich will Zutritt“, sagt sie. „Zum Arbeitsmarkt, zu bezahlbarem Wohnen, zu einer Stadt, die ihre Menschen nicht nur bei Festivals feiert.“ Ihre Stimme bleibt ruhig, aber sie ist wach.

Auf dem Nachhauseweg zählt Maria die Stufen: eins, zwei, drei. Jeder Tag ein kleines Gleichgewicht, jeder Abend eine kurze Bilanz. „Ich falle nicht“, sagt sie, „ich balanciere.“ In Lausanne, zwischen Licht und Rechnung, zwischen Hang und Hoffnung, hält sie den Faden fest. „Nicht aufgeben“, sagt sie. „Nur weiter.“

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