Die Verlängerung der Lebenserwartung zählt zu den großen Erfolgen moderner Gesellschaften. In der Schweiz wirft sie jedoch wichtige Fragen für ein Vorsorgesystem auf, das zu einer Zeit entworfen wurde, in der Berufsverläufe homogener waren und das Rentenalter eindeutig festgelegt war. Angesichts der Langlebigkeit besteht die Herausforderung nicht darin, die Grundlagen des Systems in Frage zu stellen, sondern zu prüfen, inwiefern seine Regelwerke noch an die gegenwärtigen Realitäten angepasst sind.
Das Modell der drei Säulen beruht auf einer relativ stabilen Abfolge: Ausbildung, kontinuierliche Berufstätigkeit, dann Rente. Doch die Berufslaufbahnen verändern sich. Karrieren sind heute von größerer Flexibilität geprägt: Teilzeit, Unterbrechungen, Umschulungen, Vielfachbeschäftigung oder sogar Fortführung einer Tätigkeit über 60 oder 65 Jahre hinaus. Diese Entwicklung macht eine fortschreitende Diskrepanz zwischen einigen Regeln der Vorsorge und den tatsächlich beobachteten Wegen deutlich.
Die Frage der Langlebigkeit lädt dazu ein, ein pragmatisches Entwicklungsvorhaben des schweizerischen Vorsorgesystems zu eröffnen.
Diese Diskrepanz erklärt sich teilweise damit, dass das System vor allem als Absicherungsinstrument gegen das Alterrisiko konzipiert wurde und nicht als Mechanismus, der den gesamten Berufsverlauf begleitet. In einem Kontext zunehmender Langlebigkeit wird diese Unterscheidung weniger offensichtlich. Die Grenze zwischen Erwerbstätigkeit und Ruhestand neigt dazu, sich zu verwischen, zugunsten graduellerer Übergänge, die in den aktuellen Regeln nicht immer eine einfache Übersetzung finden.
Diese Situation wird besonders deutlich, wenn das Rentenalter naht. Eine zunehmende Anzahl von Menschen möchte oder kann ihre Berufstätigkeit verlängern, sei es, um sozialen Kontakt zu pflegen, ihre Erfahrung zu schätzen oder ihr Einkommen zu ergänzen. Der bestehende Rahmen bietet bereits bestimmte Möglichkeiten, insbesondere hinsichtlich der Verschiebung des Rentenbeginns oder des teilweisen Zusammenwirkens von Erwerbstätigkeit und Leistungen. Doch bleiben diese Mechanismen manchmal komplex, je nach Säule unterschiedlich und schwierig, langfristig kohärent zu orchestrieren.
Im Kontext eines Fachkräftemangels geht diese Frage zudem über den individuellen Rahmen hinaus. Die Fortsetzung oder Wiederaufnahme einer Tätigkeit nach dem Referenzalter zu erleichtern kann ebenfalls ein wirtschaftlicher Hebel sein. Dazu bedarf es jedoch, dass die Regeln der Vorsorge, der Steuern und der Sozialversicherungen sichtbar zusammengeführt werden, damit diese Entscheidungen sachkundig getroffen werden können und keine ungeplanten Folgen auftreten.
Auch die Langlebigkeit lädt dazu ein, gezielte Anpassungen des bestehenden Rahmens zu prüfen. Die Frage des Referenzalters ist ein Beispiel dafür. Ein flexiblerer Ansatz, der mehr Spielraum beim Zeitpunkt des Renteneintritts und beim Bezug der Leistungen lässt, könnte besser auf individuelle Situationen eingehen, während er gleichzeitig die Stabilität des Systems erhält. Ebenso würde eine bessere Kontinuität der Zugehörigkeit zu einer Pensionskasse bei einer nach dem Referenzalter ausgeübten Tätigkeit die Kohärenz zwischen Arbeit und Vorsorge stärken.
Die Verlängerung der Lebensdauer wirft auch Fragen darüber auf, wie die verschiedenen Phasen des Berufslaufs finanziert werden sollen. Ergänzende Instrumente, die spart und Einkommen über das gesamte Erwerbsleben hinweg glätten, könnten zu einer besseren Abstimmung zwischen individuellen Bedürfnissen und bestehenden Vorsorgemechanismen beitragen. Diese Überlegungen folgen einer Logik der Optimierung und Koordination, statt das Modell der drei Säulen in Frage zu stellen.
Weitergehend lädt die Frage der Langlebigkeit dazu ein, ein pragmatisches Entwicklungsvorhaben des schweizerischen Vorsorgesystems zu eröffnen. Mehrere konkrete Hebel können erkundet werden, ohne die Architektur der drei Säulen in Frage zu stellen: Die Vorsorge als finanzielle Sicherheit für den gesamten Lebensweg neu denken, berufliche Übergänge erleichtern, trotz nicht-linearer Karrieren ein stetigeres Sparen ermöglichen, die Entscheidungsfreiheit und individuelle Flexibilität stärken oder Hindernisse einer Tätigkeit nach dem Referenzalter beseitigen.
Einfache und verständliche Instrumente, wie das Zeitkonto, altersgerechte Investitionsmechanismen oder ein erweiterter Zugang zum individuellen Sparen, könnten dazu beitragen, das Vertrauen in das System zu stärken. Die Herausforderung besteht nicht in einer groß angelegten abstrakten Reform, sondern in einer Reihe von klaren, verlässlichen Anpassungen, die direkt mit den Realitäten des Alltags verbunden sind, damit die Vorsorge relevant, verständlich und tragfähig bleibt in einer Gesellschaft, in der Berufsverläufe länger, vielfältiger und weniger linear sind als früher.
