Seit Jahren profitiert die Schweiz vom Wachstum der Lebenswissenschaften, das aus ihrer führenden Position im Bereich Innovation resultiert. Doch die tiefgreifenden Veränderungen der weltweiten Wirtschaftsordnung zwingen sie zur Anpassung. Annette Luther ist besonders gut positioniert, die Herausforderungen zu benennen, die sich ergeben. Sie ist Präsidentin von Scienceindustries – und in dieser Funktion beantwortet sie die Fragen von Allnews – und sie bekleidet außerdem Schlüsselpositionen in akademischen Kreisen und im Bankwesen:
Wie finden Sie einen roten Faden zwischen Ihren verschiedenen Funktionen, wenn es um die Prioritäten für die Schweiz geht?
Ich setze überall dieselben Hebel in Bewegung: Innovation stärken, Talente anziehen und unsere internationale Einbindung absichern. Unsere Industrien erzeugen mehr als die Hälfte der Exporte des Landes – sie hängen von stabilen und vorhersehbaren Rahmenbedingungen ab. Ich setze mich dafür ein, dass der Marktzugang, die Energie und die Forschung zuverlässig bleiben, damit Unternehmen in der Schweiz mit Zuversicht investieren können.
Kann die Schweiz Championin der Innovation bleiben in einer Welt, in der geopolitische Macht stärker wiegt als der Rechtsstaat?
Ja, aber nur, wenn wir proaktiv reagieren. Die US-Zölle haben gezeigt, wie schnell internationale Umwälzungen zuschlagen können. Wir müssen unsere Beziehungen zur EU stabilisieren, unsere Partnerschaften mit den USA stärken und eine stark vernetzte Forschung aufrechterhalten. Um an der Spitze zu bleiben, müssen wir am globalen Spiel teilnehmen – statt es von der Seitenlinie aus zu beobachten.
„Wir müssen den Marktzugang sichern, die Forschung stärken und Talente binden.“
Während viele Gruppen der Life Sciences vermehrt in Asien und in den Vereinigten Staaten investieren, was braucht es, um den Schweizer Cluster zu festigen?
Es muss Bedingungen geben, die Investitionen hier attraktiv machen: ein zuverlässiger Marktzugang zum europäischen Markt, eine wettbewerbsfähige Energieversorgung, schnelle Arbeitsbewilligungen und eine Regulierung, die Innovation erleichtert statt sie zu verlangsamen. Wenn wir bei diesen Faktoren handeln, bleibt die Schweiz ein attraktiver Investitionsstandort – trotz zunehmender Konkurrenz.
Wird die zukünftige Innovation in der Schweiz eher aus Asien oder aus anderen Regionen kommen?
Aus allen Regionen, aber aus unterschiedlichen Gründen. Europa definiert Standards und Regulierung – wir müssen dort präsent bleiben. Die Vereinigten Staaten treiben die biomedizinische Forschung voran und eröffnen Schlüsselmärkte. Asien wächst schnell, aber für Spitzentechnologien ist die Nähe zu Hochschulen von Weltklasse entscheidend. Wir müssen diese Netzwerke pflegen und ausbauen – Horizont Europa spielt dabei eine entscheidende Rolle.
Die Life Sciences haben stark zum Schweizer Wachstum beigetragen. Geht dieser Zyklus zu Ende?
Nein, solange wir handeln. Der neue Global Industrial Competitiveness Index (GICI) zeigt, dass wir auf den dritten Platz zurückfallen. Das bedeutet nicht, dass wir an Qualität verlieren, sondern an Geschwindigkeit. Wir müssen den Marktzugang sichern, die Forschung stärken und die Talente halten. Wenn wir diese Fundamente stärken, bleibt die Schweiz ein führender Standort – andernfalls werden Investitionen schneller verlagert, als man denkt.
Warum sind Bilaterale III für die Schweizer Life Sciences unverzichtbar?
Weil sie unseren wirtschaftlichen Standort stabilisieren. Ohne das MRA – das Abkommen, das die gegenseitige Anerkennung technischer Regelwerke ermöglicht und Doppelprüfungen vermeidet – würden die Kosten steigen. Ohne die Freizügigkeit der Personen verlieren Unternehmen Talente. Und die begrenzte Teilnahme an Horizont Europa hat uns deutlich geschwächt. Mit Bilaterale III gewinnen wir Spielraum, Planungssicherheit und volle Vernetzung zurück. Die gesamte Branche profitiert davon.
„Ein Abkommen über die Elektrizität reduziert Risiken, erhöht die Vorhersehbarkeit und verbessert unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit.“
Stellen diese neuen Abkommen Souveränität, Demokratie oder Subsidiarität in Frage?
Nein. Im Gegenteil gewinnen wir Klarheit und Einfluss zurück. Heute übernehmen wir weitgehend europäische Regeln, ohne sie gestalten zu können. Mit Bilaterale III erhalten wir definierte Prozesse, ein neutrales Schiedsgericht und mehr Rechtsicherheit. Das erhöht unsere Handlungsfähigkeit – nicht die der anderen.
Braucht die Schweiz eine Standortpolitik für die Wirtschaft oder lediglich einen liberalen Rahmen?
Wir müssen aktiver handeln. Ein liberaler Rahmen ist zwar essenziell, reicht aber nicht mehr aus. Es geht nicht um eine staatliche Industriepolitik, sondern darum, wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen zu schaffen: offene Märkte, starke Forschung, verfügbare Talente und sichere Energie. Um einen Wirtschaftsstandort zu erhalten, muss man ihn pflegen – nicht nur verwalten.
Welche Bedeutung hat das EU-Forschungsprogramm Horizon für die Schweiz?
Es ist wesentlich. Die Beschränkungen der letzten Jahre haben unsere Innovationsfähigkeit deutlich geschwächt und die Nachwuchsführung verunsichert. Horizon verbindet uns mit den besten Forschungsgruppen Europas. Um das Tempo beizubehalten, Sichtbarkeit und Wettbewerbsfähigkeit zu bewahren, müssen wir dort vollständig teilnehmen.
Welche Bedeutung haben die Energiekosten für die Life Sciences, insbesondere im internationalen Vergleich?
Sie sind entscheidend für Investitionen. Eine Hightech-energieintensive Industrie braucht verlässliche Preise und eine stabile Versorgung. Ein Abkommen über Elektrizität reduziert Risiken, erhöht die Vorhersehbarkeit und verbessert unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit. Unternehmen investieren dort, wo die Energie sicher und vorhersehbar ist – und wir müssen sicherstellen, dass die Schweiz daran teilhat.
