Ein Aufbruch ins Wauwilermoos
Mit 36 Jahren hat Luca Meier im Wauwilermoos bei Sursee eine kleine Feuchtfläche gekauft – und damit sein Leben neu geordnet. Der einstige Projektleiter in Zürich tauschte Deadlines gegen Wasserstände, Kantinenlärm gegen Froschkonzerte. Für ihn bedeutet Freiheit nicht mehr reisen oder konsumieren, sondern Zeit zu haben.
Er investierte rund 145’000 CHF in 1,6 Hektaren Riedland, dazu etwa 35’000 CHF für Stege, Werkzeuge und Wasserbau. Finanziert wurde das Projekt mit Ersparnissen und einem Kredit der Regionalbank – und mit der Aussicht auf Direktzahlungen für Biodiversität. Was nach Romantik klingt, ist eine präzise Arbeit im Spannungsfeld von Natur und Recht.
Eigentum unter Auflagen
In der Schweiz sind Moore seit der Rothenthurm-Initiative von 1987 besonders geschützt. Wer ein Moor besitzt, ist nicht frei, es zu überbauen oder zu entwässern. Stattdessen gilt: Schonend pflegen, Lebensräume erhalten, Auflagen der Kantone respektieren.
Für Meier heisst das, einen Pflegeplan mit dem Kanton Luzern umzusetzen und regelmässig mit Pro Natura und lokalen Naturschutzvereinen zu sprechen. Sein Land grenzt an Bereiche von nationaler Bedeutung, wird aber extensiv als Pufferzone bewirtschaftet. Eigentum wird so zur Verantwortung – und zur langfristigen Bindung an einen Ort.
Vom Büro zum Biotop
Am Anfang standen Unsicherheit und stapelweise Formulare. Er musste sich in Wasserrecht, Zahlungsprogramme und Schilfpflege einarbeiten. Ein Nachbar stellt Highland-Rinder für eine kurze, schonende Beweidung, damit das Ried nicht verbuscht und Bodenbrüter Ruhe finden.
Heute beginnt sein Tag im Morgengrauen mit Blick auf Wasserstandsmesser und Wetter-Radar. Dann folgen Kontrollgänge, das Reparieren von Zäunen, das Zurückschneiden von Neophyten wie der Goldrute. Mittags erledigt er Buchhaltung, nachmittags führt er kleine Gruppen durch das Gelände. Abends, wenn die Rohrdommel ruft, ist das Tempo gedrosselt.
Eine Ökonomie der Langsamkeit
Reich wird man mit Mooren nicht, aber man lebt reich an Zeit, Sinn und Saisonen. Meier erhält Biodiversitäts- und Landschaftsqualitätsbeiträge von jährlich rund 12’000 CHF, verdient zusätzlich mit Führungen, Schilfbündeln und kleinen Kooperationen etwa 4’000 CHF. Den Rest decken Frugalität und ein 30-Prozent-Pensum als Freelancer.
Er spricht offen über Grenzen: «Freiheit ist nicht Tatenlosigkeit, sondern die Möglichkeit, das Eigene bewusst zu gestalten.» Sein Budget ist schlicht, aber planbar; sein Kalender ist flexibel, aber vom Wetter abhängig. Das reduziert Stress, verlangt aber auch Disziplin.
Pflichten, die Freude machen
Was nach Natur-Idylle aussieht, ist strukturierte Arbeit. Meier versteht sich als Wirt für tausende kleine Gäste – von der Sumpf-Schrecke bis zum Laich der Erdkröte. Seine wichtigsten Aufgaben sind:
- Wasserstände klug steuern, um Trockenheit und Staunässe zu vermeiden.
- Einmal jährlich schonend mähen oder kurz beweiden, um Ried offen zu halten.
- Neophyten entnehmen, ohne Boden-Struktur zu zerstören.
- Brutzeiten respektieren und Wege temporär sperren.
- Arten monitoren und Daten an Fachstellen liefern.
- Mit Nachbarn, Gemeinde und Schulen kooperieren.
So entsteht ein Netz der Achtsamkeit, in dem Wissen geteilt und Fehler früh erkannt werden. Aus Eigentum wird ein öffentlicher Mehrwert – für Klima, Wasser und Arten-Vielfalt.
Warum ein Moor heute zählt
Moore speichern Kohlenstoff und wirken wie Schwämme gegen Hochwasser und Dürre. In heissen Sommern bleibt das Ried kühl, in Regenphasen bremst es den Abfluss. Für die Region Sursee bedeutet das Resilienz, für Spaziergänger Stille und für Kinder Staunen.
Die Schweiz kennt hunderte geschützte Flach- und Hochmoore, viele sind klein, aber wertvoll. Sie brauchen Menschen, die in Zyklen denken, und Politik, die solche Pflege mitträgt. Meiers Moor ist kein Rückzug, sondern eine aktive Antwort auf die Zeiten.
Ein neues Mass an Freiheit
«Freiheit», sagt Meier, «ist, wenn ich den Vormittag den Laubfröschen widme und den Nachmittag den Rechnungen – und beides als sinnvoll erlebe.» Er hat gelernt, dass Natur kein Projekt ist, das man abschliesst, sondern eine Beziehung, die man pflegt.
Sein Weg ist nicht für alle, aber er zeigt eine Option: weniger Beschleunigung, mehr Bodenhaftung. Wer ein Moor besitzt, besitzt kein Produkt, sondern einen Prozess. Und manchmal ist die grösste Rendite ein Sommerabend, an dem das Schilf im Wind antwortet.
