Mit 36 wird er Eigentümer eines Feuchtgebiets nahe dem Neuenburgersee – „Freiheit bedeutet endlich Zeit zu haben“

Er ist 36, die Hände noch städterweich, der Blick schon uferklar. Auf einer schmalen Parzelle am südlichen Rand des Neuenburgersees hat er ein Feuchtgebiet erworben, ein Stück Erde, das eher atmet als es trägt. Er spricht leise, aber mit Entschlossenheit, als ginge es weniger um Besitz als um Beziehung.

„Freiheit heißt für mich, endlich Zeit zu haben“, sagt er und streicht über einen Binsenhain, der im Wind knistert. Zeit für Pflege, für den Rhythmus von Wasserstand und Vogelzug, für die Geduld, die Seeufer seit Jahrhunderten üben.

Warum ein Feuchtgebiet?

Zwischen Broye-Delta und Grande Cariçaie liegen Streifen von Röhricht, in denen mehr Arten leben als in manchem Fichtenforst. Das Gelände ist nass, schwer zugänglich, ökonomisch widerspenstig und ökologisch kostbar. Genau darin lag für ihn der Reiz.

Er will keine Ferienresidenz, kein schnelles Eventgelände. Er will Rückbau statt Ausbau, mehr Schattengräser statt Lichterketten, Wasser, das steht, statt Pläne, die rennen. „Ich wollte etwas kaufen, das sich meinem Tempo widersetzt“, sagt er, und lacht kurz.

Von Excel zu Erlenbruch: Der Weg

Vorher arbeitete er in einer Beratung, Jahresziele in Quartalszahlen gepresst. Als er das Dossier zur Parzelle sah, standen da Worte wie Auenwald, Amfibienkorridor, Artenförderung. Er begann zu lesen, zu telefonieren, zu verstehen, dass Eigentum hier Verantwortung heißt.

Mit dem Kanton klärte er Nutzungszonen, mit der Gemeinde Zugänge, mit einer lokalen Stiftung die Renaturierung der Drainagen. „Ich musste lernen, dass man im Sumpf langsam geht, sonst versinkt zuerst der Plan.“

Zahlen, Zeit, Zäune: Was es braucht

Die ersten Monate galten den Gräben, dem Entfernen alter Drainrohre und dem Setzen kleiner Wehre. Ein Ranger zeigt ihm, wie man den Wasserstand liest, eine Biologin, wie man Kleinstlebewesen erfasst. Das Budget ist schlank, der Zeithorizont lang.

Kriterium Konventionelle Parzelle Feuchtgebiet in Pflege
Anfangskosten niedrig, da keine Renaturierung mittel, wegen Rückbau und Monitoring
Laufende Kosten moderat (Pflege, Steuern) moderat bis hoch (Pflege, Wassersteuerung)
Einnahmequellen Pacht, ggf. Bau Direktzahlungen, Führungen, Forschung
Biodiversität gering bis mittel hoch, inklusive FFH-Arten
Risiko Marktpreis-abhängig klimatisch-abhängig, politisch stabil
Zeitaufwand gering hoch, saisonal gebunden
Klimaeffekt oft neutral oder negativ positiv durch Kohlenstoffspeicherung

„Mir war klar, dass ich kein Einkaufszentrum baue“, sagt er, „sondern ein Zeitkonto, das Zinsen in Form von Libellen zahlt.“

Stimmen vom Ufer

Die Nachbarin, eine ältere Bäuerin, war zuerst skeptisch, heute bringt sie Kaffee an den Zaun. „Wenn die Frösche wieder lauter werden, weiß ich, es war ein guter Winter“, sagt sie. Ein Ornithologe notiert Bartmeisen, ein Kind aus dem Dorf sammelt Federn am Weg.

„Ein Eigentümer, der zuhört, ist hier Gold wert“, meint eine Rangerin und zeigt auf frisch gewachsene Seggen, zwischen denen der Boden federt.

Was jetzt wächst

Im ersten Sommer treten Schlickflächen frei, die von Stelzenläufern abgeklappert werden. Im Herbst färbt sich der Erlenbruch satt, das Wasser steigt leise. Im zweiten Frühling schiebt sich Fieberklee durch den Rand, und jemand hängt ein handgemaltes Schild an den Pfosten: „Bitte still sein – Brutzeit.“

Sein Plan ist einfach, aber nicht simpel:

  • Wasser führen, nicht zwingen; Pfade lenken, nicht sperren; Wissen teilen, nicht horten.

Das klingt weich, erfordert jedoch klare Kanten: Kein Ufermähen vor dem Sommer, keine Hunde im Ried, kein Drohnenflug über den Brutkesseln. Er setzt auf Kleinheit, auf die vielen fast unsichtbaren Handgriffe, die ein Biotop tragen.

Regeln, Rechte, Rückhalt

Rechtlich bleibt vieles streng: Bauverbot, Pflegeauflagen, Monitoring. Finanziell hilft die Ökologiequalität-Förderung, dazu Beiträge des Kantons und kleine Einnahmen aus Exkursionen. „Die Rendite ist ruhig“, sagt er, „aber sie zahlt in Dinge ein, die ich vorher gar nicht besessen habe.“

Er schreibt Protokolle, versorgt Fotos an die Behörde, lädt Schulklassen ein, damit sie Spuren lesen lernen. „Wenn Kinder wissen, dass eine Pfütze ein Kinderzimmer sein kann, behandeln sie Wasser anders.“

Ein anderer Begriff von Eigentum

„Ich besitze weniger ein Stück Land als einen Zeitraum, in dem ich nicht stören will“, sagt er. Eigentum wird zur Verabredung: Ich halte Abstand, ich gebe Ruhe, ich räume den Weg für alles, was mich überlebt.

Am Abend liegt ein goldener Schimmer auf den Halmen, das Summen ist nicht laut, aber es füllt den Raum. Er steht still, die Schuhe feucht, die Taschen leer von Terminen. Freiheit fühlt sich an wie zwei Dinge, sagt er: kühle Luft über warmer Haut – und die Gewissheit, heute niemanden gehetzt zu haben.

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