China hat nach 15 Jahren Entwicklung die Serienfertigung des amphibischen Flugzeugs AG600 „Kunlong“ aufgenommen, ein Meilenstein für die Luftfahrtindustrie des Landes. Das Flugzeug übertrifft in mehreren Dimensionen manche Varianten der Boeing 737, besonders bei der Spannweite. Gleichzeitig kann es wie eine Wasserente auf Seen, Flüssen oder dem Meer landen, was ihm eine seltene Vielseitigkeit verleiht. Für China ist das Programm ein Symbol technologischer Souveränität, da Konstruktion und Fertigung weitgehend inländisch erfolgen.
Der amphibische Gigant der neuen Generation
Der AG600 ist das größte in China entwickelte Amphibienflugzeug und wirkt in jeder Hinsicht kolossal. Mit 38,9 Metern Länge und einer Spannweite von 38,8 Metern erreicht er Dimensionen auf Ebene großer Verkehrsflugzeuge. Sein maximales Startgewicht von 60 Tonnen erlaubt umfangreiche Nutzlasten für Rettung, Transport oder Überwachung. Besonders auffällig ist die Wasserfähigkeit: Statt einer Startbahn nutzt der Kunlong natürliche Gewässer als Piste.
Zur Stabilisierung auf Wasser sind an den Flügeln über vier Meter lange Schwimmer angebracht, die das Kippen bei Wellengang verhindern. Die hydrodynamisch geformte Rumpfunterseite unterstützt sanfte Starts und Landungen. So setzt der AG600 trotz seiner Größe mit einer für Vögel typischen Eleganz auf, was Beobachter zu Vergleichen mit einer Ente verleitet. „Er kommt groß wie ein Riese, berührt das Wasser aber leicht wie eine Feder“, heißt es in einer häufig zitierten Beschreibung.
Vom Reißbrett zur Fertigungslinie
Die Entwicklung begann 2009 und folgte einem klaren, aber anspruchsvollen Pfad. Nach ersten Entwürfen und Bodentests gelangen schrittweise Flug-, Wasser- und Seelandungen. Jede Stufe verlangte neue Nachweise, insbesondere für Strukturfestigkeit, Dichtung und Korrosionsschutz in salzhaltigen Umgebungen. Mit der jüngsten Zulassung der chinesischen Luftfahrtbehörde CAAC ist die Produktion bei AVIC in Zhuhai offiziell freigegeben.
- 2009: Start der Konzeptphase und grundlegende Auslegung
- 2017: Erstflug über Land mit zentralen Funktionsprüfungen
- 2018: Erstes Abheben von einem Reservoir unter realen Bedingungen
- 2020: Premiere von Start und Landung auf offener See
- 2023: Nachweis der Brandbekämpfungsfähigkeit mit großen Wassermengen
- 2025 (11. Juni): Serienfreigabe nach umfassender Auditierung
Die Zertifizierung bestätigt die Reproduzierbarkeit von Qualität, Dokumentation und Prozessen entlang der gesamten Kette. Damit wechselt das Projekt von der Erprobung in die skalierte Fertigung, ein kritischer Schritt für jede Spezialplattform dieser Größenordnung. Aus den Tests entstand wertvolles Know-how, das künftige Großprojekte im zivilen wie staatlichen Sektor stützen dürfte.
Missionen jenseits des Gewöhnlichen
Die stärkste Daseinsberechtigung hat der Kunlong bei Einsätzen, die klassische Flugzeuge überfordern. Als fliegender Löschhelfer nimmt er etwa 12 Tonnen Wasser in einem einzigen Durchgang auf, indem er im Gleitflug Wasseroberflächen abschöpft. Diese Menge lässt sich gezielt über Brandherden abwerfen, was ihn zu einem wirkungsvollen Mittel gegen Megafeuer macht. Dank einer Reichweite von rund 4.500 Kilometern erreicht er abgelegene Gebiete ohne häufige Zwischenstopps.
Auch im Katastrophenschutz spielt die Maschine ihre Stärken aus. Nach Taifunen, Tsunamis oder Überschwemmungen sind Pisten oft unbrauchbar, doch der AG600 kann nahe betroffene Küsten oder Inseln auf dem Wasser anfliegen. Er liefert Hilfsgüter, evakuiert Verletzte und bringt Rettungsteams rasch ins Einsatzgebiet. Für maritime Überwachung, Such- und Rettungsmissionen oder Logistik in schwer zugängliche Regionen bietet die amphibische Auslegung einzigartige Optionen.
Technik, Hürden und Perspektiven
Die größte Herausforderung liegt im Wechsel zwischen Luft und Wasser, der konstruktiv zwei Welten vereint. Die Zelle muss aerodynamisch effizient und zugleich seetüchtig sein, mit verstärktem Strukturrahmen, korrosionsresistenten Materialien und robusten Dichtsystemen. Wasserstarts stellen hohe Anforderungen an Triebwerke, Kühlung und Sicherheitsreserven, während Wellengang und Gischt zusätzliche Belastungen erzeugen. Die Flugerprobung über mehrere Jahre minimierte diese Risiken schrittweise.
AVIC plant eine Familie von Varianten, angepasst an Brandbekämpfung, Rettung, Seeüberwachung und potenziell Transport. Ziel ist ein vernetztes, schnell reagierendes System, das mit einem gemeinsamen Plattformkern vielfältige Aufgaben abdeckt. Für China bedeutet das nicht nur operative Vorteile, sondern auch eine Stärkung der Zulieferkette und der Fähigkeit, komplexe Luftfahrzeuge unabhängig zu bauen.
Im Ergebnis verbindet der AG600 Größe, Reichweite und amphibische Fähigkeiten zu einem Paket, das neue Einsatzräume eröffnet. Er überragt einige 737‑Varianten in Schlüsselmaßen, landet aber gleichzeitig „wie eine Ente“ auf dem Wasser – eine Kombination, die in der zivilen Luftfahrt äußerst selten ist. Mit dem Start der Serienproduktion wird aus einem langjährigen Entwicklungsprogramm ein greifbares Werkzeug für Katastrophenhilfe, Sicherheit und nationale Infrastruktur.
