An der Ostzufahrt von Genf verdichten sich die Zeichen, dass ein ganzes Quartier bald umgepflügt wird. Für viele kleine Betriebe bedeutet das Unsicherheit und Zeitdruck. Während die Stadt über ihre Entwicklungsgesellschaft von Fortschritt spricht, berichten Betroffene von Abrissen, Räumungen und offenen Fragen.
Rechtliche Hängepartie und geschlossene Tore
Seit dem 31. August stehen die Rolltore der Werkstatt ABS Auto an der Route de Chêne unten, die Telefone klingeln weiter. Youssef Baddouch und sein Bruder dürfen hier nicht mehr arbeiten, ihr Nutzungsrecht ist der Stadtentwicklungsgesellschaft, einer öffentlich kontrollierten SA, zugefallen. Die Enteignung ist in Berufung, nachdem die Inhaber in erster Instanz wegen einer aus ihrer Sicht zu niedrigen Abgeltung obsiegt hatten.
„Ich bleibe hier, hebe ab und versuche die Kundschaft zu beruhigen“, sagt Baddouch. „Wir haben das Team entlassen, zwei Magazine gemietet, um Material zu lagern – und warten auf Antworten.“ Die Stadtgesellschaft erklärt derweil, der Garagist habe Optionen und bereite ein Projekt anderswo vor. Zwischen Aussage und Realität klafft für die Betroffenen eine Lücke, die Vertrauen kostet.
Der Abrissplan steht – und die Maschinen warten
Der operative Kalender ist klar, die Zeit für Zwischenlösungen knapp. Seit Anfang September werden die leergezogenen Gebäude gereinigt, wiederverwertbare Teile auf geeignete Plattformen gebracht. Danach folgt die Asbestsanierung – ein Schritt, der bei Altbauten aus Zeiten geringerer Sensibilität für Schadstoffe obligatorisch ist.
Ab dem 29. September rücken die Bagger an, ein Monat kontrollierter Rückbau ist vorgesehen. Danach bleiben entlang der Achse nur noch wenige Geschäfte in Betrieb, ein Fast-Food-Standort wird nicht enteignet, andere Betriebe sollen später folgen. Für die Umgebung bedeutet das Lärm, Umleitungen und eine Zwischenphase, die lokale Umsätze bremst.
„Brocki“ ohne Plan B – ein Familienbetrieb zittert
Besonders hart trifft es eine Brocki und das dazugehörige Beizli, welche die Familie Carretero fast 20 Jahre aufgebaut hat. Gastronomisch hat man sich mit der Übernahme eines Traditionslokals an der Rue de Carouge gerettet, die Mischung aus alter und neuer Kundschaft trägt die Küche. „Der Ort ist sehr herzlich, die Atmosphäre echt“, sagt Stéphane Carretero. „Doch für die Brocki finden wir keinen grossen Raum.“
Die Suche nach 500 bis 1’000 m2 scheitert bisher an Zurückhaltung der Vermieter und hohen Mieten. In der Region liegen geeignete Flächen bei 7’000–8’000 CHF pro Monat, was für einen Kleinbetrieb kaum tragbar ist. Der Countdown läuft: Ab 1. Januar 2026 droht bei Nicht-Räumung eine Konventionalstrafe von 1’000 CHF pro Tag – eine Summe, die schnell existenzbedrohend wird.
Der Versprechen-Check: Nutzen, Kosten, Folgen
Die Stadt verspricht neue Wohnungen, ein durchmischtes Quartier und bessere Mobilität. Angedacht sind rund 1’800 Einheiten, Grünräume und sichere Wege für den Langsamverkehr. Für die öffentliche Hand sind das Investitionen in die Zukunft der Agglo.
Für Anwohnende bedeutet die Umwandlung Jahre der Baustelle, für das Gewerbe die Frage, wer den Übergang bezahlt. Ohne überzeugende Zwischenlösungen droht eine Erosion der Vielfalt, die Städte lebendig macht. Wer gehen muss, braucht realistische Räumfristen, transparente Bewertungen und echte Alternativen.
Was jetzt zählt
Um den Schaden zu begrenzen, braucht es klare Kommunikation, faire Offerten und eine Koordination, die über Papiere hinausgeht. Eine betroffene Stimme fasst es so zusammen: „Ohne einen Schlüssel in der Hand – für eine neue Adresse – sind alle Versprechen nur Worte.“
- Zeitnah veröffentlichte, überprüfbare Zwischenlösungen für betroffene Betriebe
- Standardisierte, unabhängige Bewertungen der Geschäftswerte
- Verlängerbare Fristen bei nachweislich fehlenden Alternativen
- Finanzielle Abfederung der Umzugskosten und Umsatzausfälle
- Ein runder Tisch mit Stadt, Eigentümern, Gewerbe und Anwohnenden
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Städtebau ist kein Selbstzweck, er muss den Alltag der Menschen verbessern. Wo Hunderte neue Bewohnerinnen und Bewohner Platz finden sollen, dürfen jene, die heute arbeiten, nicht unter die Räder kommen. Die Stadtentwicklungsgesellschaft verweist auf Gespräche, Dossiers und die Komplexität des Prozesses.
Doch Komplexität ist kein Ersatz für Verlässlichkeit und Tempo. Entscheidend ist, dass wohlklingende Pläne im Dossier zu gangbaren Wegen auf dem Boden werden. Nur dann entsteht aus Abriss und Staub tatsächlich ein Quartier, das hält, was die Visualisierungen versprechen.
Ein Blick nach vorn
Wenn Genf an seiner Ostzufahrt ein neues Gesicht schafft, kann das ein Gewinn für die Region sein. Voraussetzung bleibt, dass soziale Folgen nicht nachgelagert, sondern mitgeplant werden. Sonst bleiben vor allem Bilder vom Bagger, geschlossene Tore und die leise Frage: Wer bezahlt den Preis des Fortschritts, und wer darf am Ende bleiben?
