Schock in Zürich: «Ich werde obdachlos!» Hauswartinnen und Hauswarte können wegen dramatischer Wohnungsnot nicht in den wohlverdienten Ruhestand gehen

Ein Leben in der Loge

In Genf lebt eine Hauswartin seit über zwanzig Jahren in einer kleinen Dienstwohnung im Erdgeschoss. Ein Raum, ein Bett, ein Sofa, ein kleiner Tisch – ordentlich, zweckmaessig, kaum Privatsphaere. Sie trinkt keinen Kaffee mehr, die Gesundheit macht nicht mit. Auf dem Teller liegen Patisserie-Stuecke, die sie nicht anfasst; der Appetit fehlt seit der Diagnose. Und doch putzt, organisiert und vermittelt sie weiter, jeden Tag, vom Fruehmorgen bis spaet in die Nacht.

„Wenn ich aufhoere, verliere ich die Wohnung. Und dann? Ich habe Angst. Ich werde obdachlos“, sagt sie leise. In dieser Stille liegt die ganze Tragik eines Berufs, der so sichtbar und doch so unsichtbar ist.

Die unsichtbare Abhaengigkeit von der Dienstwohnung

Viele Hauswarte in der Schweiz wohnen obligatorisch im Haus, das sie betreuen. Was als Vorteil beginnt – kurze Wege, staendige Praesenz – wird spaeter zur Falle. Mit der Pensionierung endet oft auch der Mietvertrag. Der Markt fuer guenstige Wohnungen ist leergefegt, die Wartelisten der Genossenschaften sind lang, und die Renten reichen selten fuer eine Marktmiete in der Stadt.

Besonders in Genf, Zuerich oder Lausanne liegt eine 2,5-Zimmer-Wohnung nicht selten deutlich ueber CHF 2’000. Wer Jahrzehnte lang in einer Dienstwohnung gelebt und wenig Ruekstellungen gebildet hat, findet kaum Alternativen. Der Weg vom Schluesselbund zur AHV-Karte fuehlt sich an wie ein Sprung ohne Netz.

Alltag zwischen Rufbereitschaft und Beziehungspflege

Der Beruf fordert Flexibilitaet, Geduld und starke Nerven. Ein verstopftes Waschbecken am Sonntagabend, ein Heizungsalarm im Winter, ein Streit im Treppenhaus – die Hauswartin ist immer da. Sie kennt die Bewohner, traegt Pakete, wechselt Birnen, nimmt Reklamationen entgegen und laesst Handwerker herein. Ihre Arbeit schafft Sicherheit und Vertrauen, gerade in grossen Liegenschaften mit hoher Fluktuation.

Doch diese Vielseitigkeit hat ihren Preis. Wer staendig erreichbar ist, lebt selten zur Ruhe. Viele Aengste bleiben unausgesprochen: Werde ich im Alter krank? Wer kuemmert sich um mich, wenn ich die Loge verlassen muss? Wie bezahle ich die Miete, wenn die Zulagen wegfallen?

Schweizer Besonderheiten und blinde Flecken

Das Schweizer System mit AHV und zweiter Saeule bietet Stabilitaet, doch Luecken bleiben. Dienstwohnungen sind Teil des Arbeitsvertrags; entfaellt die Stelle, faellt oft die Wohnung. Viele Arbeitgeber sehen in der Loge eine Ressource, aber keine Heimat. Eine Uebergangsloesung gibt es selten, und die Gemeinden muessen oft kurzfristig reagieren, wenn ploezlich Not entsteht.

In Kantonen mit starkem Wohnungsdruck geraten besonders Alleinstehende mit niedriger Pensionskasse in schwierige Lagen. Die Lebensarbeit bleibt im Treppenhaus, waehrend der Mensch vor dem Nichts steht. Genau hier braucht es Regeln, die Würde und Sicherheit miteinander verbinden.

„Ich habe so viel Schluessel – und doch keinen fuer mich“

„Ich habe frueher gelacht, wenn Leute fragten, ob ich jemals abschalte“, sagt die Hauswartin. „Heute weiss ich, dass man ohne eigene Tuer nicht richtig schliesst. Ich habe so viele Schluessel – und doch keinen fuer mich.“ Ihre Stimme bleibt ruhig, aber die Haende zittern leicht. Neben dem Telefon steht ein Notizbuch, sauber gefuehrt, mit Nummern von Bewohnern, Heizungsdienst und Putzfirma.

Was jetzt gebraucht wird

  • Mehr Uebergangswohnungen fuer pensionierte Hauswarte mit fairen Konditionen.
  • Klare Vereinbarungen im Arbeitsvertrag zum Verbleib in der Dienstwohnung nach der Pension.
  • Staerkere Kooperation zwischen Liegenschaftsverwaltungen, Genossenschaften und Gemeinden.
  • Finanzielle Beratung Jahre vor der Rente, inklusive Ruekstellungen und Vorsorgeplanung.
  • Respekt fuer die Arbeit, die still funktioniert, wenn andere schlafen.

Beispiele kleiner, wirksamer Schritte

Einige Verwaltungen pruefen dreijaehrige Uebergangsfristen, in denen pensionierte Hauswarte zu reduzierter Miete wohnen bleiben koennen. Genossenschaften priorisieren in Einzelfaellen Bewerbungen aus solchen Haertefaellen. Gemeinden richten Anlaufstellen fuer Beratung ein, damit fruehzeitig Loesungen gefunden werden. Entscheidend ist das Signal: Niemand, der ein Haus fuer alle zusammengehalten hat, soll am Ende alleine vor der Tuer stehen.

Die Wuerde im Alter bewahren

Die Loge ist mehr als ein Arbeitsplatz. Sie ist Nachbarschaft, Vertrauen und ein feines Gleichgewicht aus Distanz und Nähe. Wer hier sein Leben verbracht hat, verdient einen Austritt ohne Absturz. Es geht nicht um Privilegien, sondern um Planbarkeit. Um die Erkenntnis, dass gute Haeuser gute Menschen brauchen – und dass wir ihnen im Alter nicht die Grundlage entziehen duerfen.

Am Ende des Gespraechs faltet die Hauswartin die Haende, blickt auf ihre Notizen und laechelt schmal. Draußen faellt leises Licht in das Treppenhaus. Oben schlaegt eine Tuer zu, unten surrt die Heizung an. Der Alltag geht weiter – aber er darf nicht mehr mit der stummen Frage enden, wohin man geht, wenn die Schicht einmal vorbei ist.

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