Schweizer Wohnungsnot spitzt sich zu: Verzweifelte Studierende leben jetzt auf dem Campingplatz – «Als wir diese Spur gefunden hatten, hielten wir daran fest»

Nur wenige Minuten von UNIL und EPFL entfernt haben einige Studierende eine ungewöhnliche Lösung gefunden: Sie wohnen im Camping de Vidy in Lausanne. Hinter der scheinbar sommerlichen Kulisse steckt ein handfester Wohnungsdruck, der in der Romandie Jahr für Jahr spürbar wächst. Wer heute ein Studio nahe am Campus sucht, trifft auf hohe Mieten und knappe Angebote. Für eine kleine Gruppe ist das Mobilhome zur Zwischenlösung – und manchmal zur Daueradresse – geworden.

Zwischen Seeufer und Vorlesungssaal

In einem 16-m²-Mobilhome beginnt Lilou ihr zweites Studienjahr – mit Blick auf den See und den Veloweg. Sie hat mit ihren Eltern alles versucht, von Wohnheimen über Inserate bis zu Facebook-Gruppen. „Wir haben monatelang gesucht, doch die Besichtigungen waren immer schon voll“, sagt die Studentin. Am Ende stand ein Vertrag im Camping, mit rund 620 CHF warm, was für Lausanne beinahe günstig klingt. Die Nähe zu Seminarräumen und Bibliotheken zählt für sie mehr als ein paar Komfortpunkte.

Nur ein paar Meter weiter teilt sich Maïna ein 22-m²-Mobilhome mit einer Freundin. Die beiden zahlten im Januar noch vergeblich Bewerbungsgebühren für Wohngemeinschaften, ohne eine einzige Besichtigung zu erhalten. „Als wir diese Spur gefunden haben, haben wir sie behalten“, sagt Maïna und lacht vorsichtig. Pro Kopf kommen sie auf etwa 360 CHF, inklusive Strom und WLAN. „Die Küche ist klein, aber wir haben Platz für zwei Schreibtische und eine schmale Sofa-Ecke“, ergänzt sie.

Preise, Kompromisse und kleine Freiheiten

Auf dem Camping de Vidy leben nach Schätzung der Leitung derzeit rund 20 Studierende über den Winter. Nicht alle bleiben bis ins Frühjahr, doch viele überbrücken die Hochsaison der Wohnungsjagd von August bis Oktober. Ein Studio in Lausanne kostet schnell 1’000 bis 1’400 CHF, während ein Mobilhome je nach Ausstattung zwischen 500 und 800 CHF zu haben ist. Der Preisvorteil hat Tücken: Die Fläche ist knapp, die Wände dünn, und an eisigen Tagen läuft die kleine Heizung pausenlos.

„Wir sind mehr als nur Vermieter“, sagt Luca Bonnet, der den Platz seit Jahren führt. „Unsere Rezeption ist offen, wir helfen bei Kleinigkeiten, von der nicht anspringenden Batterie bis zur kaputten Fahrradlampe.“ Die Umgebung wirkt fast bäuerlich, mit Bäumen, Grillstellen und direkten Wegen zum Campus. Für viele ersetzt die Gemeinschaft im Freien den fehlenden Balkon – und schafft doch ein Stück Zuhause.

Stimmen vom Platz

„Ich spare nicht nur Miete, ich spare vor allem Zeit“, erzählt Lilou. „Die Tram ist überfüllt, und wenn man spät im Labor ist, ist der Weg im Dunkeln nicht angenehm. Hier bin ich in zehn Minuten daheim.“ Maïna erlebt vor allem das Miteinander als Gewinn: „Wir haben den Feierabend draussen, ein Blech Pizza, zwei Decken und die Sterne – mehr braucht man nach einem Unitag kaum.“ Beide wissen aber, dass der Winter streng werden kann, trotz Wärmflasche und guter Jacke.

Vorteile und Grenzen auf einen Blick

  • Kurze Wege zum Campus und flexible Verträge ohne lange Kündigungsfristen
  • Vergleichsweise tiefe Kosten und geringere Bewerbungshürden als bei Agenturen
  • Starke Gemeinschaft und unkomplizierte Hilfe durch das Platzteam
  • Wenig Privatsphäre, begrenzte Fläche und herausfordernde Wintermonate

Was der Markt hergibt – und was nicht

In Städten wie Lausanne, Genf oder Zürich ist der Leerstand seit Jahren tief, und bezahlbarer Wohnraum nahe der Hochschulen bleibt rar. Stipendien und Nebenjobs gleichen die hohen Lebenshaltungskosten nur teilweise aus. Viele Studierende weichen in die Agglomeration aus, investieren aber dann in Abos für längere Pendeldistanzen. Der Camping ist deshalb nicht nur Notlösung, sondern eine pragmatische Antwort auf eine Strukturfrage. Wer hier einzieht, akzeptiert die Kompromisse – und gewinnt im Gegenzug Planbarkeit.

Luca Bonnet sieht die Zukunft nüchtern optimistisch: „Solange die Nachfrage so hoch bleibt, werden Plätze wie unserer eine Rolle spielen. Wir investieren in bessere Isolierung, in clevere Stauraum-Lösungen und sichere Zugänge.“ Gerade für das erste Semester sei das Arrangement ideal, bis ein Wohnheimplatz frei wird oder eine passende WG entsteht.

Alltag im Mobilhome

Morgens wird schnell gelüftet, dann läuft der kleine Konvektor, damit die Feuchte nicht ins Bettzeug kriecht. Die Wäsche hängt in der Gemeinschaftsanlage, wo sich oft spontane Gespräche ergeben. Wer für Prüfungen Ruhe braucht, geht in die Bibliothek und geniesst abends die Stille am Ufer. Die Adresse wirkt zunächst provisorisch, doch mit eigener Kaffeemaschine, einem Wandregal und zwei, drei Pflanzen wird aus dem Mobilhome ein vorübergehendes Zuhause.

Am Ende erzählen Lilou und Maïna eine simple Geschichte in komplexen Zeiten: Wenn der Markt keine Wohnung hergibt, suchen Studierende neue Pfade. Der Camping ist nicht für alle, aber für manche genau die richtige Lösung – nahe an der Uni, bezahlbar im Budget und überraschend lebenswert. „Man muss nur die Augen offenhalten“, sagt Lilou. „Und wenn eine Spur passt, dann behält man sie.“

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