Unglaublich: Warum steht dieses Prachtgebäude im Herzen Zürichs völlig leer?

Ein Haus im Dornröschenschlaf

Zwischen zwei repräsentativen Gründerzeitbauten an der Langstrasse in Zürich steht ein verwahrlostes Haus, dessen Präsenz wie ein Fremdkörper wirkt. Hinter heruntergelassenen Läden liegen Haufen von Bauschutt, die Fenster sind vernagelt, die Fassade ist stumpf und von Flecken gezeichnet. Ein rostiges Geländer und ein grelles Graffiti am zweiten Stock machen den Verfall sichtbar – mitten im Stadtzentrum.

Für Touristinnen und Touristen ist der Anblick erstaunlich, für die Nachbarschaft hingegen längst zur Gewohnheit geworden. «Seit sechs Jahren schaue ich auf dieses Haus, und es sah immer so aus», sagt die Anwohnerin Mara, die vis-à-vis ein Atelier führt. Gelegentlich habe sie Licht flackern sehen – vermutlich Personen, die illegal übernachteten.

Der frappierende **Unterschied** zwischen den beiden **Zwillingshäusern**.

Eigentum, Erbschaft, Stillstand

Seit 2021 gehört die Liegenschaft der Zürcher Entwicklerin Alpenraum Projekt AG, die sich auf die Sanierung historischer Häuser in Innenstadtlagen spezialisiert. Zuvor war das Objekt über Jahrzehnte Familienbesitz und in vertrackte Erbstreitigkeiten verstrickt, was jede Investition blockierte. «Wir haben das Haus in einem extrem prekären Zustand übernommen», sagt Lea Meier, Geschäftsführerin der Alpenraum Projekt AG.

Die Stadt Zürich bestätigte, dass 2022 eine erste Baubewilligung erteilt wurde, 2025 folgte eine angepasste Bewilligung. Das ursprüngliche Ziel, die Wohnungen bereits 2024 zu übergeben, ist an der Realität gestorben. Laut der Entwicklerin führen neue Vorgaben, höhere Zinsen und die Kostenexplosion im Bau zu einem überarbeiteten Projekt.

«Wir konnten das Projekt nicht kostendeckend halten»

«Nach der ersten Baubewilligung konnten wir das Projekt finanziell nicht ausgleichen, vor allem wegen der Marktlage und stark steigender Kosten. Der zweite Entwurf ist schlanker und realistischer», sagt Lea Meier. Geplant sind zehn Wohnungen, drei davon als preisgedämpfte Einheiten im hochwertigen Standard. Fünf Objekte seien bereits reserviert, betont die Firma.

Die Gesamtsanierung von rund 625 Quadratmetern wird auf 3’200 bis 3’700 Franken pro Quadratmeter geschätzt – insgesamt etwa 2,1 Millionen Franken. Vorarbeiten umfassten das Umlagern von im Haus lebenden Personen sowie eine Notabdichtung des Dachs gegen Wassereintritt.

Warum bleibt das Haus so lange leer?

Mehrere Faktoren überlagern sich zu einer zähen Pattsituation. Die wichtigsten Punkte:

  • Langjährige Erbstreitigkeiten und unklare Eigentumsverhältnisse
  • Strenge Auflagen durch Denkmalschutz und städtische Schutzzonen
  • Sprunghaft gestiegene Baukosten und höhere Finanzierungskosten
  • Enger Baumarkt, Fachkräftemangel und volle Auftragsbücher
  • Einsprachen im Bewilligungsverfahren und daraus folgende Verzögerungen

Für die Nachbarschaft bedeutet das: jahrelange Leere, störende Gerüche nach Feuchtigkeit und wiederkehrende Sicherheitsprobleme. «Es ist schade um das Haus – das könnte ein Juwel sein», sagt ein Ladenbesitzer in der Nähe.

Zwischen Schutz und Nutzen

Im Inneren ist der Zustand so ernst, wie es die Fassade vermuten lässt: Der Dachstuhl muss komplett erneuert, tragende Bauteile statisch gesichert und die Haustechnik ersetzt werden. Gleichzeitig liegt das Gebäude in einer kommunalen Schutzzone, was eine sorgfältige Sanierung mit originalgetreuen Details verlangt. Die Entwicklerin spricht davon, dem Haus seinen Charakter von damals mit heutigen Standards zurückzugeben.

Zürichs Stadtbildpflege und die kantonale Denkmalpflege begleiten das Projekt, das an der Fassade und in den Treppenhäusern besondere Qualitäten bewahren muss. Die Gratwanderung zwischen Substanzschutz und zeitgemässer Nutzung ist heikel – aber in der Schweiz gelebte Praxis.

Sanierung nur auf der Zwillingseite – der Rest wartet.
Am Schwesterhaus wurden **Teile** bereits **saniert** – der Zwilling wartet weiter.

Wie es weitergeht

Aktuell rechnet die Bauherrschaft mit einem Baustart in vier bis sechs Monaten, sofern keine Einsprache dazwischenkommt. Die Fertigstellung wird gegen Ende 2026 angestrebt, inklusive Aufzug, neuer Haustechnik und wärmetechnischer Ertüchtigung. Vorgesehen sind ruhige Ateliers im Erdgeschoss statt leerer Schaufenster.

Die Stadt Zürich betont, dass die Innenstadt nicht nur schick und teuer, sondern auch lebenswert und sozial durchmischt sein soll. Darum sind die drei preisgedämpften Wohnungen zentraler Bestandteil des Projekts. «Wer hier wohnt, soll nicht nur bezahlen, sondern auch leben können», heisst es aus dem Rathaus.

Mehr als ein Einzelfall

Das Haus an der Langstrasse steht exemplarisch für die Herausforderungen der innerstädtischen Erneuerung: Komplexe Eigentümerstrukturen, enge Vorschriften, fragile Kalkulationen und ein heisser Baumarkt. Gelingt die Sanierung, gewinnt die Strasse ein Stück Geschichte zurück – und Zürich eine Liegenschaft, die ihrer prominenten Lage gerecht wird.

Bis dahin bleibt der Kontrast scharf: links und rechts stolze Fassaden, dazwischen ein schlafender Riese. Und die Frage, warum er so lange schlafen musste, ist inzwischen beantwortet – nur das Erwachen steht noch aus.

Schreibe einen Kommentar