Ein Traum mit vielen Bedingungen
Eine Immobilie für einen einzigen Franken – das klingt nach einem perfekten Schnäppchen. Gerade im angespannten Immobilienmarkt lässt ein solcher Preis viele Herzen höherschlagen. Mehrere italienische Gemeinden bieten seit Jahren symbolische Kaufpreise an, um verlassene Häuser zu retten. Doch hinter der hübschen Fassade lauern oft Pflichten, die selbst motivierte Käuferinnen und Käufer aus der Schweiz zurückschrecken lassen.
Ein junges US‑Paar wollte den Sprung wagen und sah sich intensiv mit Angeboten zu Ein‑Franken‑Häusern auseinander. Je genauer sie die Unterlagen prüften, desto deutlicher traten Risiken und Zusatzkosten zutage. Am Ende entschieden sie sich gegen das Programm, noch bevor sie einen Vertrag unterzeichneten. “Sobald wir den Vertrag sahen, wussten wir: Das Risiko ist zu hoch.”
Der Reiz des symbolischen Preises
Der symbolische Franken suggeriert einen fast kostenlosen Einstieg ins Eigentum. Viele Kommunen in Italien wollen damit historisches Bauland beleben und leerstehende Häuser reaktivieren. Für Auswärtige, auch aus der Schweiz, wirkt das wie ein Geheimtipp. Der niedrige Kaufpreis überdeckt jedoch häufig den wahren Aufwand.
Häuser in dieser Kategorie sind oft stark sanierungsbedürftig. Teilweise fehlen sichere Dächer, funktionierende Leitungen oder tragfähige Decken. Wer blind zuschlägt, kann später sechsstellige Beträge in die Renovation stecken. Die vermeintliche Ersparnis kehrt sich dann ins Gegenteil.
Das Kleingedruckte als Stolperstein
Die grössten Überraschungen lauern in den Bedingungen der Gemeinden. Häufig verlangen sie verbindliche Renovationsfristen von zwei bis drei Jahren. Manchmal besteht eine Auflage, mindestens sechs Monate pro Jahr vor Ort zu wohnen. Teilweise wird sogar das Eröffnen eines Geschäfts oder einer touristischen Nutzung verlangt.
Für das US‑Paar waren die Verträge nur auf Italienisch verfügbar, was die rechtliche Einschätzung stark erschwerte. Jede Gemeinde hat eigene Vorschriften, Garantien und Sanktionen bei Verzögerungen. Wer nicht sattelfest in der Sprache ist, riskiert teure Missverständnisse. “Es gab immer einen Haken, und die Summe der Pflichten liess uns zurückrudern.”
Ein pragmatischer Plan B
Statt eines Ein‑Franken‑Hauses suchten die beiden nach einem bezahlbaren Bestandshaus mit weniger Unsicherheiten. Fündig wurden sie in Sant’Elia a Pianisi, zwischen Neapel und Rom, wo sie eine 290‑m²‑Liegenschaft mit rund einem Hektar Land für 29’000 CHF kauften. Die Immobilie war bereits bewohnbar, sodass ein sofortiger Einzug möglich war. Damit entfiel der Druck eines Renovationsmarathons.
Das Dorf entpuppte sich nicht als Geisterort, sondern als lebendige Gemeinschaft mit Festen, Schulen und Läden. Nachbarn brachten Käse, Granatäpfel und Gemüse aus ihren Gärten als Willkommensgruss. Der Ortswechsel gelang dadurch nicht nur baulich, sondern auch sozial. Die Lebensqualität stieg, ohne dass das Budget aus den Fugen geriet.
Zur Absicherung setzten sie auf eine spezialisierte Anwältin beziehungsweise einen Anwalt. Die juristische Begleitung kostete 6’500 CHF, fast ein Viertel des Kaufpreises. Dennoch bewerteten sie diese Ausgabe als kluges Investment. Übersetzungen, Grundbuchfragen und Verträge wurden dadurch transparent und rechtssicher.
Woran Schweizerinnen und Schweizer denken sollten
Wer aus der Schweiz in Italien investieren will, sollte systematisch prüfen:
- Verbindliche Fristen und Umbauauflagen im Gemeindevertrag
- Realistische Renovationskosten inklusive Statik, Dach und Haustechnik
- Sprachliche Übersetzungen durch vereidigte Fachpersonen, keine Vermutungen
- Rechtliche Strukturen: Eigentum, Grundbuch, Pfandrechte und Haftung
- Laufende Nebenkosten wie Steuern, Versicherungen und Gebühren
- Lebensnahe Nutzung: Pendelzeiten, Aufenthaltsauflagen und Vermietungsregeln
Diese Liste ersetzt keine Beratung, hilft aber, die grössten Risiken früh zu erkennen. Wer solide plant, reduziert Überraschungen und Kosten. Wichtig ist ein ehrliches Budget mit Reserven für unvorhersehbare Arbeiten. Ebenso zentral sind lokale Kontakte zu Bauunternehmen und Behörden.
Ein ausgewogenes Fazit
Der symbolische Kaufpreis ist ein starkes Marketinginstrument, aber kein Garant für ein günstiges Projekt. Für manche ist das Programm eine spannende Chance, insbesondere mit viel Zeit und handwerklicher Erfahrung. Für andere überwiegen die Auflagen, Sprachbarrieren und Folgekosten. Das US‑Paar fand seinen Weg, indem es den Fokus von “billig” auf “machbar” verschob.
Gerade für eine Schweizer Zielgruppe gilt: Sicherheit, Planbarkeit und Transparenz sind wichtiger als ein spektakulärer Preis. Eine bezahlbare Bestandsimmobilie kann langfristig die bessere Wahl sein, wenn sie sofort bewohnbar ist und Schritt für Schritt saniert werden kann. So wird aus einem kühnen Traum ein tragfähiges Vorhaben – ohne böse Überraschungen im Kleingedruckten.
