Es regnet in Zürich, die Luft ist kühl, knapp 15 Grad, Mitte September. Doch im neuen Wohnensemble an der Freilagerstrasse fühlt es sich ganz anders an. Während draussen Jacken Pflicht sind, steigt in den Hausfluren die Hitze über 30 Grad. In den Wohnungen sind 27 Grad Alltag – auch im Winter.
Ein Neubau, der permanent zu warm ist
Seit der Bezugsphase 2023 klagen Bewohnerinnen über Überhitzung. In den oberen Etagen ist es oft kaum auszuhalten, selbst bei bewölktem Himmel. Viele laufen ganzjährig in Shorts und T‑Shirts herum, lüften nahezu dauerhaft. Ein Bewohner sagt: «Es ist die Karibik hier.» Eine Nachbarin ergänzt: «Im Sommer haben wir bis zu 38 Grad – selbst bei Querlüften.»
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Bildlegende: 27 Grad im September – Symbolbild aus dem Ursprungsbericht. Foto: David Brunet/Le Mensuel de Rennes.
«Im Sommer bis 38 Grad» – Symptome und Alltag
Die Gemeinschaftsflächen heizen sich wie ein Treibhaus auf. In Korridoren zeigen Messungen teils 34 Grad im Mittel, mit deutlich wärmerem Boden als Decke – ein Hinweis auf Wärmeabstrahlung aus der Konstruktion. In den Wohnungen kühlen Oberflächen nicht ab, Müllbeutel gären schneller, und kaltes Trinkwasser wird lauwarm. «Wir müssen Wasser in den Kühlschrank stellen, sonst ist es untrinkbar», berichtet eine Bewohnerin.
Wenn «kalt» 27 Grad hat
Besonders heikel ist das Kaltwasser. Mehrfach wurde am Zapfhahn zu Beginn eine Temperatur von 27 Grad gemessen, erst nach rund zwei Minuten floss Wasser mit 17 Grad. Aus Schweizer Sicht ist das problematisch: Der SVGW empfiehlt, dass Kaltwasser am Entnahmepunkt unter 25 Grad, ideal unter 20 Grad, liegen sollte. Zu warme Leitungen erhöhen Legionellen‑Risiken und belasten Komfort sowie Energieverbrauch.
Mögliche Ursachen im Bau
Hinweise deuten auf Wärmebrücken und fehlerhafte Anlagenführung hin. Fachleute vermuten:
- Fehlende oder mangelhafte Dämmung von Heiz‑ und Warmwasserleitungen in Decken oder Schächten.
- Abwärme von Steigzonen, die über die Betondecke wie eine Fussbodenheizung wirkt.
- Unzureichende Sommerlüftung der Haustechnikräume oder dauerhaft laufende Zirkulationsleitungen ohne bedarfsgerechte Regelung.
- Zu wenig Verschattung, hohe solare Gewinne und fehlende Nachtauskühlung trotz Lüften.
Solche Konstellationen sind mit Schweizer Normen kaum vereinbar. Die SIA‑Normen 180 (Bauphysik) und 382/1 (Lüftung) verlangen Sommerkomfort‑Nachweise; SIA 385/1 und SVGW‑Regeln adressieren Temperaturen in Trinkwasser‑Netzen. Wenn Leitungen ungedämmt in der Tragstruktur liegen, fungiert der Beton als Wärmespeicher – und gibt die Energie stundenlang an Räume und Wasser ab.
Recht und Gewährleistung: langer Atem nötig
Die Stockwerkeigentümergemeinschaft hat Mängel gerügt, ein technisches Gutachten ist beauftragt. In der Schweiz gilt die SIA‑Norm 118: offensichtliche Mängel innert zwei Jahren, verdeckte Mängel innert fünf Jahren rügen; bei arglistigem Verschweigen bis zehn Jahre. Der Bauträger signalisiert Kooperationsbereitschaft, doch bis Planung, Sanierung und Abnahme abgeschlossen sind, kann es dauern. In der Zwischenzeit steigt der Frust – und die Betriebskosten für Lüften und provisorische Kühlung.
Stimmen aus dem Haus
«Wir leben das ganze Jahr in Sommerklamotten und schlafen schlecht. ‘C’est les Caraïbes ici’, sagen wir inzwischen mit Galgenhumor – aber eigentlich ist es erschöpfend», sagt eine Bewohnerin.
Was Betroffene jetzt tun können
Kurzfristig helfen nur Minderungen der Lasten – und saubere Dokumentation:
- Temperaturen täglich protokollieren (Raumluft, Oberflächen, Wasser am Zapfhahn).
- Fotos und kurze Videos mit Datum/Uhrzeit, inkl. Messgerät im Bild.
- Querlüften konsequent in den Nachtstunden, tagsüber verschatten.
- Abwärmequellen reduzieren: Warmwasser‑Zirkulation zeitlich begrenzen (sofern individuell steuerbar), Geräte im Standby vermeiden.
- Trinkwasser in Glasflaschen kühlen; bei anhaltend >25 Grad mit Verwalter bzw. SVGW‑Fachstelle Kontakt aufnehmen.
- Mängel gemeinsam über die Stockwerkeigentümergemeinschaft und den Mieterverband bzw. Haus‑ und Eigentümerverband bündeln.
Lehren für den Schweizer Neubau
Die Debatte zeigt, dass «Effizienz» allein nicht reicht. Minergie‑Gebäude erfüllen oft hervorragende Winteranforderungen, doch der Sommerkomfort muss früh in die Planung: dynamische Simulation, robuste Verschattung, thermische Speicher mit kontrollierter Entladung, entkoppelte Leitungsführung und bedarfsgerechte Zirkulation. Kaltes Trinkwasser verdient baulich denselben Schutz wie Wärme: getrennte Schächte, gedämmte Stränge, geringe Stagnation.
Für die Betroffenen bleibt die Hoffnung, dass die Expertise Klarheit schafft und der Bauträger rasch nachbessert. Bis dahin gilt es, den Alltag mit pragmatischen Schritten erträglich zu halten – und die richtigen Fragen zu stellen: Weshalb versagt der Sommerkomfort in einem neuen Haus? Und wie sorgen wir dafür, dass «Karibik‑Gefühl» in Zürich künftig nur am See stattfindet – nicht in der Wohnung.
