«Wir nutzen jeden Winkel»: Angesichts rekordhoher Immobilienpreise in der Schweiz leben sie im Tiny House – und gewinnen überraschend viel Freiheit

Die Immobilienpreise in der Schweiz bleiben für viele unerreichbar, besonders in beliebten Agglomerationen. Für manche Familien ist eine Tiny House-Lösung deshalb nicht nur ein Trend, sondern ein echter Neuanfang. In einer Gemeinde nahe Thun hat man einen ehemaligen Campingplatz für kleine, mobile Häuser vorbereitet – als pragmatische Antwort auf einen angespannten Markt.

Kleine Fläche, grosser Alltag

Laura, 37, arbeitet Teilzeit und lebt seit einem Jahr mit ihrer Tochter auf 18 m². In ihrer Mini‑Wohnung ist jeder Zentimeter geplant, jeder Tritt eine Schublade und jede Ecke ein Staufach. Über der Wohnzone spannt sich ein Netz wie auf einem Katamaran, das als leichte Hängematte dient und für ruhige Mittagspausen sorgt.

„Weil alles kleiner ist, investieren wir gezielter, und wir konsumieren weniger“, sagt sie mit Überzeugung. „Man optimiert die Ecken, hält Ordnung und spart Energie.“ Die monatlichen Fixkosten bleiben überschaubar, was einen ruhigeren Alltag ermöglicht.

Ein Quartier auf Rädern

Die Gemeinde hat Parzellen für Tiny Houses ausgewiesen, teils als Mietplätze, teils als geförderte Einheiten. Das Ziel: Menschen aus der Region halten, die sonst verdrängt würden, und den lokalen Arbeitsmarkt stützen. Seit der Pandemie sind viele Orte noch attraktiver geworden, während freie Objekte knapp blieben.

Statt teurer Ergänzungsbauten entschied man sich für einen modularen, relativ schonenden Ausbau. Leitungen wurden nachgerüstet, Abstände definiert und einfache Bewilligungswege geschaffen. Heute leben hier Singles, Paare und kleine Familien, die sich bewusst für weniger Quadratmeter und mehr Freiheit entschieden haben.

Rechnen in Franken

Ein bezugsfertiges Tiny House kostet ab rund CHF 60’000, je nach Ausbau und Hersteller. Viele Modelle bleiben unter 3,5 Tonnen, damit der Transport auf dem Strassenverkehr unkompliziert bleibt. Für hochwertige Fenster oder eine kompakte Terrasse kommen schnell ein paar Tausend Franken dazu.

Die Platzmiete liegt je nach Standort zwischen CHF 200 und CHF 400 im Monat, zuzüglich Wasser und Strom von etwa CHF 60–100. Dem gegenüber steht ein Kauf einer Eigentumswohnung, der oft ein Vielfaches an Eigenkapital und lange Amortisationen verlangt. Wer kein Vermögen besitzt, kann so dennoch im vertrauten Umfeld bleiben.

  • Weniger Fläche, weniger Nebenkosten, weniger Ballast
  • Flexiblere Lebensplanung ohne jahrzehntelange Kredite
  • Kürzere Wege, wenn der Stellplatz nahe der Arbeit liegt
  • Realistischer Einstieg in Eigentum mit überschaubarem Budget
  • Stärkere Gemeinschaft, wenn man Nähe bewusst lebt

Alltagstauglich, nicht romantisiert

Tiny Houses sind gemütlich, aber kein reines Postkartenmotiv. Im Winter braucht es gute Dämmung und eine zuverlässige Heizung. Bei Föhn oder Sturm spürt man, dass das Haus auf einem Fahrgestell steht, auch wenn die Konstruktion stabil bleibt. Wer empfindlich auf Geräusche reagiert, sollte an zusätzliche Schallschichten denken.

Ein lokaler Bauer berichtet, dass die Holzbauten die letzten Herbststürme ohne Schäden überstanden, auch wenn es spürbar gewackelt hat. „Ein Tiny House fühlt sich bei Wind lebendig an, doch die Statik ist solide“, sagt er. Wichtig sei eine fachgerechte Verankerung und regelmässige Kontrollen von Dichtungen und Anschlüssen.

Weniger Zeug, mehr Nähe

Für Jean, 63, frisch pensioniert und noch teilzeitlich aktiv, war das Tiny House eine Brücke zwischen Autonomie und Budget. Als sein Mietvertrag auslief, fand er monatelang keine Nachfolgewohnung. Der geförderte Stellplatz und ein kompakter Grundriss ermöglichten den Neustart – mitsamt Hund, Werkzeug und ein paar Erinnerungsstücken.

„Ich musste ausmisten, aber ich habe die Dinge behalten, die mich wirklich begleiten“, sagt er. Übergaben im Quartier funktionieren per Nachbarschaftshilfe: Einer bringt einen Akkuschrauber, die andere leiht Spannriemen oder einen Hochdruckreiniger. Aus Minimalfläche wird so ein Teilhabe‑Netz, das vieles ausgleicht.

Planung, die trägt

Wer ein Tiny House in der Schweiz plant, sollte früh mit der Gemeinde sprechen. Entscheidend sind Zonenvorschriften, Anschlussfragen und Brandschutz. Klären Sie, ob das Häuschen als fahrbares Objekt oder als bauliche Anlage gilt, und welche Bewilligungen nötig sind. Dazu kommen Themen wie Versicherung, Entsorgung von Grauwasser und die Wahl einer Heizlösung mit niedrigen Emissionen.

„Klein bedeutet nicht beliebig“, sagt eine lokale Planerin. „Wer präzise konzipiert, wohnt später ruhiger und investiert dort, wo es zählt.“ Das trifft die Haltung vieler Bewohnerinnen und Bewohner, die jeden Winkel durchdenken und damit ihre Kosten dauerhaft senken.

Ein realistischer Ausblick

Tiny Houses werden die Wohnungsnot nicht allein lösen, doch sie sind ein nützliches Instrument im Mix aus gemeinnützigem Bau, Aufstockungen und Zwischennutzungen. Sie schaffen Zeit, geben Menschen Planbarkeit und halten lokale Netzwerke intakt. Und sie erinnern daran, dass Komfort oft aus Klarheit entsteht – aus durchdachten Rechtenwinkeln, und aus Ecken, die man liebevoll füllt.

„Wir optimieren jeden Regenbogen nicht, aber jeden Regenrinnen‑Winkel“, scherzt Laura, „und merken: Was wir brauchen, ist weniger Raum – und mehr Spielraum.“

Tiny House Detail - Getty Images

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