Im Jahr 2010 nahm die Finanzwelt auf Initiative der Navigatorin Ellen MacArthur ein neues Konzept auf: die regenerative Wirtschaft. Die ursprüngliche Idee ist ziemlich einfach: Die heutige wirtschaftliche Aktivität steht in Widerspruch zu den Fähigkeiten und Ressourcen, die der Planet besitzt. Um aus der extraktiven und verschmutzenden Wirtschaft auszubrechen, in die wir uns teilweise dank fossiler Energien verfangen haben, müsste man unsere Aktivitäten an das Lebendige und an die Kreisläufe der Natur anpassen, während man zugleich damit beginnen würde, zerstörte oder degradierte Gebiete zu restaurieren.
Im Verlauf der Woche, bei der siebten Auflage von Building Bridges, stand dieses Thema im Zentrum der Anliegen der Finanzwelt, neben Fragen zur Anpassung und zum Klimawandel- bzw. Energiesektor-Übergang. Es wurde von angesehenen Gästen getragen, darunter Marc Palahí. Wissenschaftler und Experte für Natur, Wälder und zirkuläre Biowirtschaft; dieser trat 2023 als Leiter Natur (Chief Nature Officer) bei Lombard Odier Investment Managers ein. Seit sechs Jahren berät er im Rahmen der Initiative „Circular Bioeconomy Alliance“ auch König Charles III. und arbeitet an der Entwicklung einer zirkulären Wirtschaft, die stärker auf erneuerbare biologische Ressourcen und die Wiederherstellung der Ökosysteme ausgerichtet ist. Wir nutzten seine Anwesenheit, um ihn zu treffen. Interview.
Parlez-nous de votre combat en faveur de l’adaptation de nos modèles économiques aux limites imposées par la nature…
Die Gesamtheit unserer Wirtschaft hängt vollständig von der Natur ab. Diese bildet eine fundamentale Infrastruktur, die unser planetarisches System regelt, insbesondere unser Klima. Sie liefert uns auch die Nahrung, die wir essen, das Wasser, das wir trinken und die Luft, die wir atmen. Dieses Gewebe des Lebendigen bildet ein Ganzes und stützt alle biologischen Prozesse und Aktivitäten, die davon abhängen. All dies, ohne dass Bienen, Vögel und Bäume uns am Monatsende Rechnungen schicken, trotz der lebenswichtigen Dienste, die sie uns leisten und auf denen unsere Wirtschaft basiert.
Seit etwa hundert Jahren betrachtet unser Wirtschaftssystem die Natur entweder als Externalität oder als Ressource zur Ausbeutung, statt als lebendige Grundlage, die regeneriert werden muss. Früher oder später werden wir den Preis für ihre Zerstörung zahlen müssen.
Die Schwierigkeit besteht darin, dass die Bevölkerungen es noch schwer haben, die Beschleunigung der kombinierten Auswirkungen des Klimawandels und der Zerstörung der Natur zu messen, auch in Europa.
Avant leur restauration, l’urgence ne serait-elle pas surtout d’arrêter de détruire la nature et le vivant?
Natürlich müssen wir alle Ökosysteme, die noch (relativ) erhalten sind, schützen, zum Beispiel den Amazonas-Regenwald oder das Kongobecken. Gleichzeitig müssen wir auch mit der Restaurierungsarbeit beginnen. Die Schwierigkeit besteht darin, dass die Bevölkerungen es noch immer schwer haben, die Beschleunigung der kombinierten Auswirkungen des Klimawandels und der Zerstörung der Natur zu messen, auch in Europa.
Die Realität ist, dass wir das Klima unseres Planeten nicht zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit verändert haben. Wir überschreiten auch die Grenzen seiner Resilienz aufgrund des massiven Biodiversitätsverlusts und der Zerstörung unserer natürlichen und gestalteten Ökosysteme, einschließlich unserer Böden. Um diese abstrakten Vorstellungen der planetaren Grenzen einfach zu erklären: Wenn wir sie überschreiten, kann die Natur die durch unser Wirtschaftsmodell verursachten Schocks nicht mehr absorbieren.
Ne détruit-on pas aujourd’hui la nature à un rythme bien trop rapide pour lui offrir la possibilité de se régénérer?
Tatsächlich beobachten wir eine Beschleunigung. In Europa haben sich in den letzten fünfzig Jahren die wirtschaftlichen Verluste, die durch die kombinierten Auswirkungen des Klimawandels und der Zerstörung der Natur verursacht werden, um rund 10 Milliarden pro Jahrzehnt erhöht. Wenn man die Daten jedoch genauer betrachtet, lässt sich feststellen, dass 25 % aller Verluste, die in diesen fünfzig Jahren verzeichnet wurden, sich auf die vier oder fünf letzten Jahre konzentrieren.
Toujours en Europe, 60% des sols sont dégradés. Et à l’échelle mondiale, c’est environ 40%. Sans compter les risques que cela fait peser sur notre alimentation, sur un plan purement économique, nous perdons aujourd’hui environ 28 milliards d’euros chaque année en raison des conséquences des sécheresses, des inondations et des vagues de chaleur sur l’agriculture. Cela représente 7% de la valeur du secteur agricole en Europe. Et cette tendance ne fait que s’accélérer.
Auch in Europa sind 60 % der Böden degradiert. Weltweit sind es etwa 40 %. Ganz zu schweigen von den Risiken, die dies für unsere Ernährung mit sich bringt; rein wirtschaftlich gesehen verlieren wir heute etwa 28 Milliarden Euro pro Jahr aufgrund der Folgen von Dürren, Überschwemmungen und Hitzeperioden in der Landwirtschaft. Das entspricht 7 % des Werts des Agrarsektors in Europa. Und dieser Trend beschleunigt sich weiter.
Comment transformer nos modèles économiques en fonction de la nature?
Wie können wir unsere Wirtschaftsmodelle an die Natur anpassen?
Mon rôle de responsable des enjeux liés à la nature ne consiste pas seulement à identifier les dépendances et les risques, mais aussi à repérer et parler des opportunités que présente une économie alignée sur les capacités et limites imposées par la nature. Je vous donne un exemple concret. Confrontée à la volatilité des prix du coton et à des chaînes d’approvisionnement fragilisées par le changement climatique et les tensions géopolitiques, l’une des principales marques de luxe italiennes a lancé dans le sud de l’Italie un projet pilote de production de coton régénératif.
Meine Rolle als Verantwortlicher für Naturthemen besteht nicht nur darin, Abhängigkeiten und Risiken zu identifizieren, sondern auch Gelegenheiten zu erkennen und darüber zu sprechen, die sich aus einer Wirtschaft ergeben, die sich an die von der Natur vorgegebenen Kapazitäten und Grenzen anpasst. Ich gebe Ihnen ein konkretes Beispiel. Angesichts der Preisschwankungen bei Baumwolle und von Lieferketten, die durch den Klimawandel und geopolitische Spannungen belastet sind, hat eine der führenden italienischen Luxusmarken im Süden Italiens ein Pilotprojekt zur Produktion regenerativer Baumwolle gestartet.
Menée pendant quatre ans dans les Pouilles, l’expérimentation associe culture du coton et restauration de la biodiversité, notamment grâce à la plantation d’arbres. Satisfaite de la qualité obtenue, la maison de mode a produit 7000 premiers tee-shirts dotés d’un passeport numérique permettant de retracer leur chaîne d’approvisionnement. Face au bon accueil des consommateurs, la maison entend continuer à développer cette production durable pour atteindre 1000 hectares en collaboration avec les agriculteurs locaux.
Die vier Jahre in den Regionen Apulien durchgeführte Versuchsanordnung verbindet den Baumwollanbau mit der Wiederherstellung der Biodiversität, insbesondere durch das Pflanzen von Bäumen. Zufrieden mit der erzielten Qualität produzierte das Modehaus die ersten 7000 T-Shirts mit einem digitalen Pass, der die Rückverfolgung ihrer Lieferkette ermöglicht. Angesichts der positiven Resonanz der Verbraucher beabsichtigt das Haus, diese nachhaltige Produktion weiterzuentwickeln, um 1000 Hektar in Zusammenarbeit mit den lokalen Landwirten zu erreichen.
Dans quelle mesure les entreprises sont aujourd’hui ouvertes à ce genre de solutions?
Inwieweit sind Unternehmen heute offen für derartige Lösungen?
De plus en plus d’entreprises s’éloignent des discours abstraits sur la durabilité, dans lesquels la nature est envisagée comme un sujet philanthropique ou comme une possibilité de compensation. Elles adoptent des approches plus concrètes, centrées sur la résilience, et considèrent la nature comme une occasion d’améliorer leurs performances et, bien entendu, la résilience de leurs chaînes d’approvisionnement.
Immer mehr Unternehmen entfernen sich von abstrakten Nachhaltigkeitsreden, in denen die Natur als philanthropisches Thema oder als Kompensationsempfehlung betrachtet wird. Sie übernehmen konkretere Ansätze, die sich auf Resilienz konzentrieren, und betrachten die Natur als Chance, ihre Leistungsfähigkeit zu verbessern und natürlich die Resilienz ihrer Lieferketten.
L’enjeu consiste encore à évaluer leur compétitivité de manière globale. Ma conviction est qu’investir dans la nature constitue la meilleure stratégie pour transformer notre économie, plutôt que d’y investir pour compenser ses défaillances.
Die Herausforderung besteht weiterhin darin, ihre globale Wettbewerbsfähigkeit zu bewerten. Meine Überzeugung ist, dass Investitionen in die Natur die beste Strategie sind, unsere Wirtschaft zu transformieren, anstatt in sie zu investieren, um deren Defizite zu kompensieren.
Nous restons encore sur un marché de niche…
Bleiben wir immer noch auf einem Nischenmarkt…
A l’échelle mondiale, quelque 5000 milliards de dollars de capitaux privés financent chaque année des activités ayant un impact négatif sur la nature, contre seulement 15 à 18 milliards consacrés aux solutions fondées sur la préservation de la nature. Et une grande partie de ces montants finance en outre des zones protégées ou de simples mécanismes de compensation, plutôt qu’une transformation directe des activités économiques.
Global gesehen fließen jährlich rund 5 000 Milliarden Dollar privater Kapitalanlagen in Aktivitäten, die negative Wirkungen auf die Natur haben, gegenüber lediglich 15 bis 18 Milliarden, die Lösungen auf Basis des Schutzes der Natur gewidmet sind. Und ein Großteil dieser Summen finanzieren außerdem geschützte Gebiete oder einfache Kompensationsmechanismen, statt einer direkten Transformation der wirtschaftlichen Aktivitäten.
Dans les années à venir, il faudra donc réorienter une grande partie de ces milliers de milliards actuellement investis dans des modèles destructeurs vers des activités régénératrices, qu’il s’agisse de la production alimentaire, de l’industrie ou de la construction. Le potentiel est donc immense et il ne «reste» plus qu’à réunir tout le monde autour de la même table: acteurs financiers, grandes entreprises, pouvoirs publics, ou encore les agriculteurs au vu des enjeux concernant l’avenir de notre alimentation.
In den kommenden Jahren wird daher ein Großteil dieser Tausenden von Milliarden, die derzeit in zerstörerische Modelle investiert sind, in regenerierende Aktivitäten umgelenkt werden müssen, sei es in der Nahrungsmittelproduktion, in der Industrie oder im Bauwesen. Das Potenzial ist daher enorm und es bleibt nichts anderes übrig, als alle Akteure an einen Tisch zu holen: Finanzakteure, große Unternehmen, öffentliche Hand und auch die Landwirte angesichts der Fragen zur Zukunft unserer Ernährung.
A quel point un événement comme Building Bridges est-il utile pour aider à cette transformation de nos modèles économiques?
Inwieweit ist eine Veranstaltung wie Building Bridges nützlich, um diese Transformation unserer Wirtschaftsmodelle zu unterstützen?
Cette manifestation joue un rôle important en réunissant justement les acteurs capables d’agir collectivement et en rapprochant les impératifs de court terme des enjeux de long terme. Cette coopération devient d’autant plus nécessaire que l’accélération du changement climatique, avec la multiplication des épisodes de chaleur extrême et des incendies, menace désormais directement des chaînes d’approvisionnement essentielles, de l’alimentation à la mode en passant par la chimie.
Diese Veranstaltung spielt eine wichtige Rolle, indem sie genau die Akteure zusammenbringt, die in der Lage sind, gemeinsam zu handeln, und indem sie die Kurzfrist-Anforderungen mit den langfristigen Herausforderungen zusammenführt. Diese Kooperation wird umso notwendiger, je stärker die Beschleunigung des Klimawandels wird, mit der Zunahme extremer Hitzeperioden und Brände, die nun direkt essenzielle Lieferketten bedrohen, von der Nahrung bis zur Mode und über die Chemie.
Face aux pertes économiques qui en découleront, les entreprises seront contraintes d’adapter leurs modèles. La nature ne peut plus être considérée comme une simple externalité: sa dégradation produit désormais des conséquences économiques directes qui reviennent, tel un boomerang, frapper les entreprises et leurs chaînes de valeur.
Angesichts der daraus resultierenden wirtschaftlichen Verluste werden Unternehmen gezwungen sein, ihre Modelle anzupassen. Die Natur kann nicht länger als bloße Externalität betrachtet werden: Ihre Zerstörung erzeugt nun direkte wirtschaftliche Folgen, die wie ein Boomerang zu den Unternehmen und ihren Wertschöpfungsketten zurückkehren.
