Die Schweiz verfügt über einen der weltweit bedeutendsten Finanzplätze. Dessen internationale Position verdankt sie der politischen Stabilität, verlässlichen Institutionen, gut ausgebildetem Personal und Unternehmen, die sich im internationalen Wettbewerb behaupten. Doch diese Führungsposition ist kein Selbstläufer.
Bestimmte Geschäftsbereiche können die Schweiz verlassen, ebenso Investitionen und Know-how. Einmal abgewandert, sind sie schwer zurückzuholen. Daher ist der Rahmen, in dem Unternehmen operieren, von entscheidender Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes. Das gilt insbesondere für den regulatorischen Rahmen. Finanzstabilität und Anlegerschutz sind zentrale Ziele. Doch regulatorische Entscheidungen haben auch wirtschaftliche Auswirkungen: Welche Unternehmen dringen in einen Markt ein, wo neue Produkte entstehen, wo investiert man, können Unternehmen vom Standort Schweiz aus international agieren – all diese Aspekte sind relevant.
Für einen stark regulierten Sektor ist es daher unerlässlich, dass die nationalen Rahmenbedingungen mit dem übereinstimmen, was im Ausland üblich ist, und dass die Marktzugangsschranken niedrig bleiben. Ein intensiver Wettbewerb fördert Innovationen, verbessert Produkte und Dienstleistungen und drückt die Preise.
Zielkonflikte können sich zwischen Wettbewerbsfähigkeit, Anlegerschutz und Finanzstabilität ergeben. Eine gute Regulierung muss diese identifizieren und dann die in Frage kommenden Interessen sorgfältig gegeneinander abwägen. Es ist daher problematisch, dass Gesetzgeber und Aufsichtsbehörden, unter ihren Zielen im Bankwesen, die Wettbewerbsfähigkeit nicht gleichberechtigt neben dem Schutz der Einlegerinnen und Einleger oder der Kundinnen und Kunden oder auch neben der Stabilität des Finanzsystems stellen. Es geht nicht darum, weniger zu regulieren, sondern besser zu regulieren.
Politik allein kann jedoch keinen leistungsfähigen Finanzplatz schaffen. Wettbewerbsfähigkeit wird auch innerhalb der Branche geschmiedet. Sie erfordert gut ausgebildetes Personal, Innovationen, Unternehmen, die sich in einem Umfeld intensiven Wettbewerbs durchsetzen können. Dank seines dualen Ausbildungssystems und seiner bemerkenswerten Universitäten verfügt die Schweiz über hervorragende Stärken in der Hand.
Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Verantwortung der Banken, denen besondere Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft, gegenüber ihren Kundinnen und Kunden sowie gegenüber ihren Eigentümerinnen und Eigentümern obliegen. Sie müssen wissen, mit wem sie Geschäftsbeziehungen aufnehmen, sorgfältig beraten, Kredite vorsichtig vergeben und, wenn sie finanzielle und operative Risiken eingehen, auch potenzielle extreme Ereignisse in Betracht ziehen.
Die Credit-Suisse-Krise hat uns schmerzlich daran erinnert, was passieren kann, wenn diese Verantwortung nicht ausreichend getragen wird. Aber es wäre falsch, daraus abzuleiten, dass weniger Wettbewerb automatisch mehr Sicherheit bedeutet. Wettbewerb und Verantwortung stehen nicht im Widerspruch zueinander. Die zentrale Frage für die Schweiz ist daher nicht, zu entscheiden, ob man einen sicheren Finanzplatz gegenüber einem wettbewerbsfähigen Finanzplatz wählt. Sie lautet vielmehr, wie man beides erreichen kann.
Wenn wir möchten, dass auch künftige Generationen von einem prosperierenden und weltweit führenden Finanzplatz profitieren, darf Wettbewerbsfähigkeit nicht als Nebenwirkung einer guten Regulierung betrachtet werden. Sie muss eines ihrer Ziele sein.
Marcel Rohner war Präsident der Schweizer Bankiersvereinigung bis zum 17. September 2026. Dieser Artikel basiert auf der Rede, die er am Bankiers-Tag 2026 gehalten hat.
