Jenseits der Euphorie

Je höher das langfristige Potenzial aus Sicht der Investoren eingeschätzt wird, desto stärker steigen die Bewertungen der Unternehmen, die voraussichtlich davon profitieren, entsprechend an.

 

Die künstliche Intelligenz wird zweifellos zu den Leitttechnologien der kommenden Jahrzehnte gehören. Sie hat das Potenzial, die Wirtschaft und die Gesellschaft nachhaltig zu transformieren. In den kommenden Jahren werden Unternehmen und Staaten enorme finanzielle und menschliche Ressourcen mobilisieren, um die sich daraus ergebenden Chancen zu nutzen und die Risiken zu begrenzen.

Je höher das langfristige Potenzial aus Sicht der Investoren eingeschätzt wird, desto stärker steigen die Bewertungen der Unternehmen, die voraussichtlich davon profitieren, entsprechend an. Zunächst wird dieses Potenzial eher unterschätzt. Doch diese Wahrnehmung verändert sich, je mehr man erkennt, dass es auch zu einer äußerst lukrativen wirtschaftlichen Aktivität führen kann. So blieben die Investitionsausgaben der Hyperscaler in den ersten beiden Jahren nach der Geburt von ChatGPT noch vernünftig. Im dritten Jahr (2025) erlebten sie jedoch eine plötzliche, fulminante Steigerung. Und was vor zwölf Monaten noch als Boom galt, scheint heute erst der Anfang zu sein.

Heutzutage wetteifern Analysten mit Optimismus in Bezug auf ihre Investitionsprognosen mittelfristig und langfristig. Aus Milliarden wurden Billionen. Die großen Rechenzentren, die sich der KI widmen, werden immer öfter durch Kredite finanziert und kosten bis zu 50 Milliarden Dollar. Es wird geschätzt, dass das Investitionsvolumen bis 2030 sieben Billionen Dollar erreichen wird. Um nach Abzug aller Kosten eine angemessene Rendite zu erzielen, sollte der Umsatz die Schwelle von einer Billion deutlich überschreiten. Woher soll dieser Umsatz kommen?

Die übliche Antwort lautet wie folgt: Die Einsparungen bei Personalkosten. Das ist denkbar, wenn KI-Agenten tatsächlich ganze Tätigkeiten in großem Maßstab ersetzen, aber das wird Zeit brauchen. Unternehmen müssen ihre Prozesse umbauen, ihre Mitarbeitenden schulen und organisatorische Hürden überwinden. Jahre intensiver Anpassung, gepaart mit Trial-and-Error, stehen bevor. Der Wettbewerb zwischen KI-Modellen ist hart. Zu den US-Anbietern treten chinesische Open-Source-Modelle hinzu, die immer leistungsfähiger werden und zugleich sehr erschwinglich bleiben. Für die meisten Anwendungen sollten sie völlig ausreichend sein.

Die Situation wird interessant, wenn die großen US-Anbieter ihre Preismodelle anpassen und von den in Unternehmen weit verbreiteten günstigen Abonnementformen zu einer teureren Jeton-basierten Abrechnung übergehen. In der Zwischenzeit bleibt der Börseoptimismus unversehrt, insbesondere bei Privatanlegern und Momentum-Investoren. Grundlegende Bewertungen spielen hier keine Rolle. Nur die Kursentwicklung bestimmt die Qualität der Aktie. Der Optimismus hat sich in Euphorie verwandelt – nicht nur für die Aktien des Halbleiter-Sektors, sondern auch im Weltraumsektor.

Glücklicherweise gibt es außerhalb dieser Euphoriezone genügend Aktien von Unternehmen mit verlässlichen Gewinnen, die dank des KI-Booms Bewertungen aufweisen, die so niedrig sind wie seit Jahren nicht mehr.

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