Aktionen: Großes Interesse am Thema der Autonomie Europas

Laurent Gorgemans (Foto) und Johannes Haubrich von Nordea präsentieren Trends und ihre Überzeugungen in Aktien und Anleihen.

 

Die Aktienmärkte setzen ihren Aufwärtstrend trotz Konflikten und steigender Anleiherenditen mehr schlecht als recht fort. Unter diesen Bedingungen, wo liegen die Chancen?
Laurent Gorgemans, Verantwortlicher bei Nordea in der Westschweiz, und Johannes Haubrich, Leiter der Investmentprodukte Fixed Income & Equities, beide bei Nordea, beantworten die Fragen von Allnews:

Was sind die wichtigsten Trends bei den Investitionen Ihrer Kunden in den letzten Monaten?

Johannes Haubrich (JH): In den letzten 12 Monaten war das Interesse bedeutsam und hat sich zugunsten europäischer Anleihen erhöht, insbesondere für Covered Bonds in Europa, insbesondere für absolute-Return-Strategien, die aktiver gemanagt werden nach einem Relative-Value-Ansatz – im Vergleich zum Bereich „Plain Vanilla“. Wir beobachten auch Zuflüsse in den Fremdkapital-Markt. Wir haben zudem ein zunehmendes Interesse an unserer Fremdkapital-Strategie festgestellt; Banken und Versicherungen neigen dazu, in inflationsgetriebenen Umgebungen gut zu performen.

Laurent Gorgemans (LG): Europäische Aktien sind ebenfalls gefragt. Im Bereich Aktien ist das Interesse sehr deutlich an unserem neuen Fonds zur europäischen Autonomie, genannt Nordea Empower Europe Fund. Er wurde erst im Juni 2025 aufgelegt und hat bereits 850 Millionen Euro Vermögenswerte unter Verwaltung erreicht. Er entspricht den verschiedenen Plänen der Europäischen Kommission, deren Finanzierung über 2000 Milliarden Euro hinausgehen wird und der ReArm Europe-Initiative zur Verteidigungsstrategie, die darauf abzielt, militärische Kapazitäten zu stärken, mobilisiert 800 Milliarden, die Energiewende mit 300 Milliarden und dem Chips Act (43 Milliarden).

«Die Notwendigkeit, dass Europa unabhängiger wird, wird von Tag zu Tag deutlicher bestätigt.»

Welche Themen verfolgt dieser Fonds im Bereich der europäischen Autonomie?

LG: Drei Themen stehen im Mittelpunkt dieser Strategie, nämlich Reshoring, also die Rückführung der europäischen Fertigungsindustrie und die Widerstandsfähigkeit der Wertschöpfungsketten, Energiesicherheit und Resilienz sowie Verteidigung, einschließlich Cybersicherheit. Sie zielen auf Themen ab, die uns noch viele Jahre begleiten werden, wie die Energiekrise und die vielen aktuellen militärischen Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten.

Die Notwendigkeit, dass Europa unabhängiger wird, wird von Tag zu Tag deutlicher bestätigt. Das Ergebnis ist vielversprechend. Die Performance liegt seit Jahresbeginn bei 18%, was die allgemeinen europäischen Indizes deutlich übertrifft (der MSCI Europe IMI verzeichnete im gleichen Zeitraum einen Anstieg von 6,5%).

Der Fonds zeichnet sich durch eine aktive Steuerung eines hoch innovativen Universums aus und durch eine starke Allokation in europäische Small- und Mid-Cap-Unternehmen (etwa 50% des Portfolios) sowie in nordische Länder (etwa 25% des Portfolios). Die nordischen Länder sind bekannt für ihre überlegene Innovationskraft im Vergleich zum Rest Europas, und Small- und Mid-Cap-Unternehmen stehen im Mittelpunkt der Herausforderungen der europäischen Souveränität für die kommenden Jahrzehnte.

JH: Im Bereich der Energiesicherheit investieren wir beispielsweise in Unternehmen für intelligente Netze, die die Energiesicherheit in Europa stärken, wie Prysmian und NKT, die eine Hochspannungsleitung im Golf von Biscaya bauen, die Frankreich und Spanien verbindet.

Im Bereich Reshoring investieren wir in Danieli, eine italienische Industriegruppe, die auf Ausrüstung, Anlagen und Dienstleistungen für die Stahl- und andere Metallproduktion spezialisiert ist. Sie arbeiten mit einer weiteren Portfoliounternehmen, SSAB, zusammen und liefern die Technologie für eine neue Null-CO2-Stahlproduktionseinheit von SSAB in Lulea, was den CO2-Fußabdruck Schwedens um 7% reduzieren wird.

Im Bereich Verteidigung und Cybersicherheit investieren wir insbesondere in Unternehmen, die sichere Kommunikation ohne Abhängigkeit von Dritten gewährleisten (60% der aktiven Satelliten werden derzeit von Starlink kontrolliert). Wir investieren beispielsweise in Eutelsat, das etwa 600 Satelliten in niedriger Erdumlaufbahn besitzt und als führender europäischer Konkurrent gilt, sowie in Indra, ein Unternehmen, das auf Verteidigungssysteme und Raumfahrttechnologie spezialisiert ist. Die beiden Unternehmen tragen wesentlich zur Schaffung der paneuropäischen Public-Private Partnership IRIS² & SpaceRISE bei.

Wo finden Sie derzeit Chancen an den Anleiemärkten?

LG: Wir unterscheiden verschiedene Chancen im Kreditbereich, zum Beispiel in Unternehmens-Fremdkapital (Corporate Debt), angesichts der Bilanzen der Banken und des aktuellen Renditeniveaus. Selbst wenn die Kreditspreads relativ eng sind, ist dies ein Segment, in dem wir nicht nur über umfangreiche Expertise, sondern auch über starke Überzeugungen verfügen.

Letztes Jahr haben renditeträchtige Anleihen mit Aktien-/Kreditverbindungen gut abgeschnitten, aber das bedeutet nicht, dass die Performance in diesem Jahr negativ sein müsste. Kreditspreads sind zwar eng, aber High Yield in Europa und den USA sowie Fremdkapital bleiben attraktiv vor dem Hintergrund der Wirtschaftsbedingungen und der Ergebnisse der Unternehmen.

«Von den 322 Milliarden Euro, die Nordea Asset Management im ersten Quartal 2026 verwaltet hat, entfallen etwa 61 Milliarden Euro auf festverzinsliche Anlagen.»

JH: Wir verfügen über langjährige und umfassende Erfahrungen im Fixed-Income-Management. Von den 322 Milliarden Euro, die Nordea Asset Management im ersten Quartal 2026 verwaltet hat, entfallen ca. 61 Milliarden Euro auf festverzinsliche Anlagen. Der Großteil stammt von unseren internen, spezialisierten und erfahrenen Fixed-Income-Teams: Mehr als 40 Milliarden Euro in europäischen Covered Bonds und ca. 15 Milliarden Euro in europäischen Kreditlösungen.

Seit Jahrzehnten hat Nordea eine besondere Expertise im Bereich Covered Bonds entwickelt, einem Markt, der oft als langweilig gilt, der aber aufgrund mehrerer Ineffizienzen große Chancen für aktive Investoren bietet. Aufgrund ihres Double-Recourse-Mechanismus (gegenüber dem Emittenten und dem zugrundeliegenden Deckungspool) gelten Covered Bonds als so sicher wie Staatsanleihen. Tatsächlich sind sie sogar sicherer, denn wenn man die 200 Jahre Geschichte der Covered Bonds betrachtet, ist kein Covered Bond jemals in Zahlungsausfall geraten, während souveräne Ausfälle aufgetreten sind. Die wichtigsten Emittenten von Covered Bonds sind Dänemark, Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien und die skandinavischen Länder. Außerhalb Europas gibt es sie in Kanada, Neuseeland und zunehmend in Asien.

LG: Zudem profitieren Anleger, wenn man diese Anlageklasse mit aktivem Management kombiniert, typischerweise von einer höheren Rendite als bei Staatsanleihen. Insofern bedeutet Investieren in Covered Bonds eine Exposition in einen der sichersten Anleiensegmente, mit einer hohen Bonität (die meisten Covered Bonds sind AA-AAA bewertet), während gleichzeitig Renditeprofile angeboten werden, die über denen von Staatsanleihen liegen. Das Rendite-Risiko-Profil von Covered Bonds wird dadurch besonders attraktiv.

Eine weitere Chance besteht für Schweizer Investoren, die kaum von einem Carry in Schweizer Anleihen profitieren können. Der Schweizer Anleihenmarkt wird zunehmend ausgedünnt. Um dem entgegenzuwirken, bieten wir euro-denominierte Anleihen mit Hedging in Schweizer Franken an, die nach Hedging eine Rendite erzielen, die höher ist als die Schweizer Anleihen.

Warum in Covered Bonds heute investieren?

JH: In einem geopolitischen Spannungsumfeld sind Covered Bonds relativ sicher und weisen einen wertbestimmenden Charakter auf. Sie sind gegenüber Staatsanleihen – z.B. Deutschlands – tendenziell vorteilhafter, angesichts des umfassenden Emissionsprogramms, das von der Regierung versprochen wird. Ein aktives Management, mit unserer etwa 13-jährigen Erfahrung, ermöglicht zusätzlich rund 150 Basispunkte Rendite pro Jahr.

Der Trend geht zu höheren Renditen. Sollten Investoren nicht warten, bevor sie in diese Titel investieren?

JH: Die Situation ist derzeit sehr aktiv. Der Markt hatte zu Beginn der Woche bis zu drei Zinserhöhungen der EZB in diesem Jahr eingepreist und das schlimmste Szenario erwartet. Heute hat er sich angepasst und rechnet nur noch mit zwei Zinserhöhungen bis Jahresende. Das Inflationsrisiko besteht, ist aber vollständig in die Preise eingepreist.

Wie sieht Ihr Inflationsszenario in den USA aus? Befürchten Sie Nebenwirkungen, die über die Energie hinausgehen?

LG: Die US-Inflation erlebt unterschiedliche Druckquellen, sowohl nach oben als auch nach unten. Die Sperrung der Straße von Hormuz treibt die Energiekosten in die Höhe und verursacht Nebenwirkungen auf Chemikalien und Lebensmittel infolge von Lieferkettenproblemen. Doch der jüngste Anstieg der US-Renditen erklärt sich eher durch Spannungen am Wohnungsmarkt. Dieser Druck dürfte sich in den kommenden Monaten durch gegensätzliche Kräfte verringern, wie deflationäre Kräfte infolge der zunehmenden Leistungsfähigkeit von KI und deren Produktivitätsgewinnen. Deshalb bleiben die prognostizierten zukünftigen Inflationsraten relativ stabil.

Zusätzlich wird die Amtseinführung von Kevin Warsh als Vorsitzender der Fed eine größere Zusammenarbeit mit dem US-Schatzamt mit sich bringen. Dies wird vermutlich zu weniger Transparenz und einer Reduzierung der erwarteten Führung (Guidance) führen. Daraus dürfte wahrscheinlich eine größere Volatilität resultieren, da sich der Markt an die Veränderung anpassen muss. Das ist eine Chance für aktives Management, sei es durch Duration-Management, durch Positionierung entlang der Zinskurve oder durch Risikosensitivität.

Insgesamt erwarte ich in den nächsten Monaten keine Veränderung der Zinssätze der Fed. Sie wird eine abwartende Haltung einnehmen.

Wie sollte die nächste Bewegung der Anleienderenditen in den nächsten 12 Monaten aussehen?

LG: Wir glauben, dass es in der Duration Substanz gibt. Die Geschichte zeigt, dass auf dem aktuellen Niveau eine Investition in die Duration attraktiv ist.

JH: Es gilt, eine Barbell-Strategie zu verfolgen, bei der Ressourcen auf die beiden Extreme konzentriert werden – totale Sicherheit und hohes Risiko. Es ist möglich, in die Duration zu investieren, und das Carry im High Yield ist mit einer Rendite von etwa 7 bis 7,5% attraktiv.

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