Zu Jahresbeginn beruhte das zentrale Marktszenario für die europäischen Märkte auf einer schrittweisen Entspannung der Inflation, gefolgt von einer weiteren geldpolitischen Lockerung der Europäischen Zentralbank. Dieses Szenario wurde weitgehend stark in Frage gestellt. Die Krise im Nahen Osten hat ein Risiko neu entfacht: einen erneuten energetischen Schock. Indem sie die Ölpreise stark in die Höhe getrieben hat, über eine Zeitspanne, deren Dauer schwer abzuschätzen ist, und die Befürchtungen hinsichtlich der Importkosten wiederbelebt hat, verändert diese Krise die Lesart des europäischen Anleihemarktes.
Ein Energieschock
Dieser geopolitische Schock wirkt als Übertragungskanal auf die reale Wirtschaft und die Finanzmärkte: Anstieg der Energie, anhaltendere Inflation, Unsicherheit über den Kurs der Leitzinsen, und daher Druck auf die Zinssätze kürzerer europäischer Anleihen. Die Staatsanleihen der Eurozone erfüllen nicht mehr ihre Rolle als Fluchtwert, da ein Teil des Marktes nun eher eine Verzögerung im Desinflationsprozess befürchtet.
Die Krise im Nahen Osten wirft die Frage auf, ob das Szenario einer Entspannung der Obligationen in Europa infrage gestellt wird, oder ob sie neue Einstiegspunkte in bestimmten Segmenten des Marktes schafft. Die Herausforderung besteht darin, zu analysieren, wie ein externer Schock, zunächst energetischer Natur, die Arbitrage zwischen Duration, Carry und Kreditqualität in europäischen Anleiheportfolios neu konfiguriert.
Die politische Antwort der europäischen Staaten scheint bereits bekannt zu sein: Um diese zusätzlichen Kosten zu bekämpfen, sollten rasch Unterstützungsmaßnahmen angekündigt werden.
Spannungen bei der Inflation
Der erste Effekt der Krise geht vom Öl aus. Jede anhaltende Erhöhung der Energiepreise verteuert die Produktionskosten und belastet den Inflationspfad in Europa, einer Region, die stark von Energieimporten abhängig ist. Für den Anleihemarkt werden die Erwartungen auf Zinssenkungen und der zu Jahresbeginn erwartete Status quo der EZB unsicherer, was die Langfristrenditen nach oben treibt und die Performance der Anleihen mit längerer Duration belastet.
Diese Neubewertung des Zins-Szenarios führte zunächst zu Druck auf die deutschen Staatsschulden. Der Zweijahresrendite dieser Anleihen stieg in kaum zwei Monaten um mehr als 0,70 Prozentpunkte, was die neuen Erwartungen der Anleger an die Geldpolitik widerspiegelt. Anstelle eines Stillstands für 2026 rechnet der Markt nun mit drei Zinserhöhungen der Zentralbank, um die Inflation der Energiekosten zu bekämpfen.
Eine unsichere Zinsentwicklung
Die EZB sieht sich damit einem klassischen Dilemma gegenüber: Einerseits könnte eine verlängerte Krise im Nahen Osten das europäische Wachstum durch Belastung des Vertrauens und der Gewinnmargen der Unternehmen schwächen; andererseits könnte sie erneut eine inflationsgetriebene Schleife über den ÖlkanaL auslösen. Die geldpolitische Kommunikation ist derzeit heikel und dürfte weiterhin eine hohe Volatilität auf der Zinskurve verursachen.
Darüber hinaus scheint die politische Reaktion der europäischen Staaten bereits bekannt zu sein: Um diese zusätzlichen Kosten zu bekämpfen, sollten rasch Unterstützungsmaßnahmen angekündigt werden. Die Anleihemärkte werden erneut beansprucht werden, was die Hoffnungen auf einen ersten Schritt zur Entschuldung der europäischen Länder zunichte machen würde. Und erneut zusätzlichen Druck auf die langen Zinsen ausüben würde!
Eine Wachstum unter Druck
Dennoch ist 2026 nicht 2022. Die Haushalte verfügen nicht mehr über die nach Covid gebildeten Rücklagen, und dieser neue Kontext lastet auf der Stimmung der Investoren und dem Vertrauen der Unternehmen. Das europäische Wachstum, das im Januar bei rund +1% für 2026 erwartet wurde, könnte beeinträchtigt werden, bis hin zu einem möglichen Rezessionsrisiko am Jahresende, insbesondere in den am stärksten von Energie abhängigen Ländern. Langfristig werden die Renditen der Langfristzinsen wieder attraktiver, insbesondere als Substitution zu risikoreicheren Anlagen (Aktien, Kredit).
Der Einfluss dieser Krise auf die europäischen Anleihen scheint daher nicht auf einen geopolitischen Stress-Episode beschränkt zu bleiben. Es handelt sich um einen Schock, der das Marktszenario für 2026 infrage stellt: Von einer potenziellen Zinssenkung ist nun die Rede, aber man muss wissen, wie weit die EZB ihren Leitzins erhöhen kann, bevor das europäische Wachstum vollständig „zerstört“ wird.
Diese Unsicherheiten sollten den Investor zu einem flexiblen und disziplinierten Ansatz veranlassen: weniger auf ein massives richtungsorientiertes Wetten auf Zinssenkungen, sondern auf eine selektive Allokation zwischen Staatsanleihen und Kredit mit unterschiedlichen Laufzeiten/Dauern, und sich schnell entsprechend den Entwicklungen des Konflikts neu positionieren.
