Die Sommerhitze flirrt über dem Asphalt, und am Lago di Lugano staut sich die Geduld. Schon am frühen Morgen kriechen Kolonnen im Schritttempo, am Nachmittag steht vieles ganz. Wer in Richtung Süden will oder heimkehrt, merkt es sofort: Eine neue Baustelle auf der A2 im Tessin verengt die Spur und frisst Zeit.
Auf den Anzeigetafeln blinkt Warnung, auf Navi-Apps wird die Strecke knallrot eingefärbt. Der Geruch von heißem Asphalt liegt in der Luft, Presslufthämmer singen ihren Rhythmus. Und irgendwo im Wagen knistert die Urlaubsplanung, die an einer Engstelle zwischen Geduld und Baumaschine hängt.
Engpass am See und weniger Spuren
Zwischen Lugano-Sud und Melide-Grancia wird aktuell an der Dammstrecke gearbeitet, die den See wie ein Steg teilt. Die Fahrbahn ist schmaler, Spurwechsel sind heikel, und in mehreren Abschnitten fällt eine Spur weg.
Die Kapazität sinkt laut Astra um rund 30 bis 40 Prozent. Was an einem normalen Wochentag schon eng ist, wird an den Reisetagen zur Zange.
Was genau passiert auf der Strecke?
Erneuert werden Beläge, Abdichtungen und Entwässerung, dazu werden Geländer und Schutzwände verstärkt. Auch die Lärmschutz-Elemente bekommen Ersatz, weil die Belastung durch Verkehr und Wetter Spuren hinterlassen hat.
Die Arbeiten laufen in Etappen, teils bei laufendem Betrieb, teils nachts – doch der Urlauberstrom reißt nicht ab. Eine Baustelle auf einer Dammstrecke lässt sich kaum großzügig umleiten, ohne Umwege und Zusatzverkehr ins Umland zu schieben.
Stimmen von der Strasse und von den Behörden
„Es geht einfach nichts mehr“, sagt Fabio, ein Fahrer aus Basel, der mit seiner Familie an die Riviera wollte. „Wir stehen seit 50 Minuten und haben noch nicht mal den Tunnel erreicht.“
Beim Bundesamt für Strassen klingt es nüchterner. „Wir wissen um die Belastung“, sagt eine Sprecherin der Astra-Region Tessin. „Die Arbeiten sind aus Sicherheitsgründen unvermeidlich, und wir arbeiten so schnell wie möglich.“
Eine Polizistin an der Rampe in Lugano winkt stoisch: „Wenn die Leute Abstand halten und keine Lücken blockieren, fließt es ein wenig besser.“ Doch an Ferientagen hilft oft nur Zeit.
Zahlen, die man spürt
Am Samstagmorgen bildeten sich Staus von bis zu zwölf Kilometern, mit Wartezeiten von gut zwei Stunden. In Richtung Nord kam es nachmittags zu Rückstaus bis zur Ausfahrt Bissone, in Richtung Süd stockte es bis kurz vor Chiasso.
Der Schwerverkehr wurde phasenweise an Parkplätze geleitet, um Einfahrten zu entlasten. Dennoch bleibt die A2 die Hauptschlagader des Gotthard-Korridors – und schlägt diesen Sommer sichtlich schneller.
Wie lange dauert das Ganze?
Die momentane Phase ist bis in den Herbst vorgesehen, mit wetterabhängigen Puffern. Einzelne Arbeiten werden in Nachtfenster verlegt, doch großflächige Spurverengungen bleiben über mehrere Wochen bestehen.
„Wenn wir jetzt nicht sanieren, müssen wir später länger sperren“, heißt es bei der Astra. Die Botschaft ist unpopulär, aber nachvollziehbar: Erhalt sichert Sicherheit.
Was Reisende jetzt tun können
- Früh starten, späte Anreise wählen oder konsequent auf Werktage ausweichen, wenn der Druck geringer ist.
- Via Gotthard besser den ÖV prüfen: Viele Züge durch den Basistunnel haben noch Plätze, Velos teils mit Reservation.
- Bei zwingender Autofahrt konsequent Pausen planen, Wasser dabeihaben und die Klimaanlage nicht auf Frost stellen.
- Alternativrouten realistisch einschätzen: Der San-Bernardino ist oft ebenso voll; Passstraßen kosten Nerven.
- Verkehrsmeldungen von TCS, Astra und lokalen Radios in kurzen Intervallen checken, statt blind der App zu folgen.
Zwischen Nervenprobe und Notwendigkeit
Die Dammstrecke bei Melide ist ein Symbol: Schlank, spektakulär, aber empfindlich, wenn etwas passiert. Was im Baustellenmodus an Kapazität fehlt, gewinnt die Infrastruktur in Zukunft an Haltbarkeit.
Gleichzeitig heizt der europäische Ferientakt das System auf. An- und Abreisetage bündeln Ströme aus Baden-Württemberg, Bayern, der Ostschweiz und der Lombardei – und jede Verengung wird zum Brennglas.
Ein paar unerwartete Lichtblicke
Trotz allem funktioniert vieles erstaunlich gut: Die mobilen Anzeigen reagieren flotter, die Dosieranlagen an den Auffahrten dämpfen die Wellen, und die Einsatzteams wirken koordiniert.
„Wir haben diesmal mehr Brückenpersonal draußen, das direkt eingreifen kann“, sagt ein Einsatzleiter in leuchtender Weste. „Das spart uns pro Stunde ein paar Minuten – nicht viel, aber im Stau ist jede Minute Gold.“
Der Blick über den Tellerrand
Die A2 im Tessin ist nicht allein. Überall in Europa werden Schlagadern saniert, weil Jahrzehnte intensiven Verkehrs ihre Spuren hinterlassen. Der Mix aus mehr Reisen, schweren Fahrzeugen und Hitze fordert seinen Preis.
Wer heute im Schritttempo am See entlangrollt, sitzt in einer Gegenwart, die sich neu ordnet: Weniger romantisch, mehr praktisch, mit Bauzäunen, frisch gezogenen Markierungen und dem leisen Versprechen, dass es morgen wieder ein Stück besser läuft. Bis dahin hilft nur Gelassenheit – und ein Plan B, der nicht nur auf Glück baut.
