Europa spürt deutlich den Druck des Krieges gegen den Iran und der allgemeineren geopolitischen Spannungen. Das Wachstum hat sich verlangsamt, die Inflation ist gestiegen und das Vertrauen von Unternehmen und Verbrauchern hat abgenommen. Dennoch wächst die Eurozone weiter, die Arbeitslosigkeit bleibt niedrig, die Industrie bleibt zuversichtlich, öffentliche Investitionen sind förderlich und das Finanzsystem ist stabil. Europa erlebt vielleicht keine Boom-Wirtschaft, aber sie erweist sich widerstandsfähiger als viele angenommen hatten — und diese Resilienz ist sowohl für die makroökonomischen Aussichten als auch für die relative Attraktivität der europäischen Märkte wichtig.
In unserer Allnews-Kolumne des Märzmonats hatten wir argumentiert, dass die Anfälligkeit Europas gegenüber einer Wiederaufnahme des Konflikts im Nahen Osten überschätzt worden war. Die Hauptgründe waren einfach: Die Region ist weitaus weniger abhängig von Energie aus dem Persischen Golf, als allgemein angenommen wird; ihre Energieintensität ist in den letzten Jahrzehnten deutlich gesunken; und sowohl nationale Regierungen als auch europäische Institutionen haben in den letzten Jahren konkrete Maßnahmen ergriffen, um die Resilienz durch Diversifikation, Investitionen und Budgetunterstützung zu stärken. Dennoch haben die europäischen Aktienmärkte gegenüber den USA Rückstand aufgeholt: Seit Ausbruch des Krieges ist der S&P 500 in Euro gemessen um 11,7% gestiegen, während der EuroSTOXX lediglich um 1,2% zulegte. Wird die wirtschaftliche Auswirkung größer ausfallen, als wir im März vermutet hatten? Und was bedeutet das für die Finanzmärkte der Region?
Wie der IWF in seinen im April 2026 veröffentlichten Perspektiven zur europäischen Wirtschaft festhält, dürfte der durch Energie und den Nahostkrieg verursachte Angebotschock das Wachstum bremsen, die Inflation steigen lassen und die Unsicherheit erhöhen. Nach einer Anpassung seiner Modelle prognostizieren die makroökonomischen Aussichten des IWF jedoch eine moderat wachsende Entwicklung statt einer Rezession. Die Frühjahrsausblicke 2026 der Europäischen Kommission gehen in die gleiche Richtung und beschreiben eine Wirtschaft, die unter dem Gewicht der höheren Energiekosten und eines gedämpfteren Vertrauens klärt, aber dennoch eine innere Resilienz besitzt, die ein stärkeres Abschwächen verhindert. Mit anderen Worten: Der Iran-Schock bremst das Wachstum, bricht die Wirtschaft aber nicht.
Ein weiterer Grund für diese Widerstandsfähigkeit besteht darin, dass Europa besser auf einen Energieschock vorbereitet zu sein scheint als 2022. In unserer März-Kolumne hatten wir auf die deutliche Reduzierung der Ölintensität Europas, die gestiegene Rolle der erneuerbaren Energien im Mix und die Diversifizierung der Öl- und Gasimporte hingewiesen, die die Abhängigkeit vom Persischen Golf in der Energieversorgung verringern. Außerdem zeigen die Frühjahrsausblicke 2026 der Kommission, dass die Investitionen der EU in die energetische Resilienz, die nach dem Krieg in der Ukraine getätigt wurden, nun Früchte tragen. Und diese Investitionen haben die EU-Wirtschaft besser positioniert, um den laufenden Schock zu absorbieren, als es vor einigen Jahren der Fall gewesen wäre. Das bedeutet nicht, dass der Anstieg der Öl- und Gaspreise schmerzfrei wäre, aber es bedeutet, dass der Transmissionseffekt geringer ist als im Jahr 2022.
Die industrielle Aktivität veranschaulicht diesen Punkt deutlich. Im Mai hat der vorläufige Industrie-PMI der Eurozone leicht nachgegeben, bleibt jedoch im Expansionsbereich. Der Kanal des Außenhandels scheint ebenfalls weniger gefährlich, als das globale geopolitische Risiko vermuten ließe. Die direkte Handelsaussetzung mit dem Nahen Osten ist für die meisten großen Volkswirtschaften der Eurozone begrenzt, insbesondere in Deutschland eher gering. Zudem meldete Eurostat, dass die Industrieproduktion der Eurozone im März gegenüber dem Vormonat um 0,2% gestiegen ist und März-auf-März-Veränderungen im gleichen Tempo wie Februar zeigte, während die Industrieaufträge in Deutschland im März gegenüber dem Vormonat um 5,0% zulegten, was zuversichtlich stimmt. Zudem scheint der aktuelle Schock stärker eingegrenzt und weniger schädlich zu sein als der, den Europa 2022 erlebte, wobei der Druck sich stärker auf bestimmte energieintensive Sektoren konzentriert als auf die Gesamtwirtschaft.
Die Nachfrage der Haushalte spielte bislang eher die Rolle eines Stabilitätsmusters als eines Verstärkers der Krise, trotz eines Rückgangs des Vertrauens im Dienstleistungssektor und bei den Verbrauchern. Die Detailhandelsumsätze der Eurozone stiegen im März gegenüber dem Vorjahr um 1,2% und blieben nahe dem historischen Rekordniveau, das im Dezember in volumischer Hinsicht erreicht wurde. Zudem deuteten die Frühjahrsprognosen der Kommission darauf hin, dass der Konsum im Jahr 2026 der Hauptmotor des Wachstums bleiben dürfte, getragen von soliden Arbeitsmarkbedingungen und der Fortsetzung der Lohnerhöhungen. Eurostat meldete, dass die Arbeitslosenquote in der Eurozone im März 2026 auf 6,2% gesunken ist, gegenüber 6,3% im Februar, und damit den niedrigsten Stand seit der Einführung des Euro erreicht hat. Die Prognosen der Europäischen Kommission haben zudem die anhaltende Stärke des Arbeitsmarktes betont. Ein robuster Arbeitsmarkt eliminiert zwar nicht das zyklische Risiko, aber er stützt das Lohnwachstum, das Einkommen der Haushalte und das Vertrauen, wodurch die Wahrscheinlichkeit einer selbst verstärkenden Kontraktion des Konsums reduziert wird.
Die öffentlichen Ausgaben bleiben ein wichtiges Standbein der wirtschaftlichen Aktivität der Eurozone. In unserer vorherigen Kolumne hatten wir betont, dass das Programm »Next Generation EU« und die umfangreiche fiskalische Lockerung, die von Deutschland umgesetzt wurde, einen substantiellen Schutz gegen äußere Schocks darstellen würden, zumal die Auszahlungen in 2026 und 2027 beschleunigt würden. Diese Perspektive scheint nach wie vor aktuell zu sein. Die Kommission setzt weiterhin auf die EU-Investitionsprogramme und nationale öffentliche Ausgaben als wesentliche Stützen der Aktivität, sowie auf die Aussicht signifikanter Auswirkungen der expansiven deutschen Fiskalpolitik auf den Rest der Eurozone. Dieses expansivere fiskalpolitische Umfeld hilft zu erklären, warum das Wachstum nur schrittweise langsamer wird statt zu kollabieren.
Finanzielle Bedingungen liefern einen weiteren Beleg dafür, dass der Schock nicht systemisch geworden ist. Der Finanzstabilitätsbericht der EZB vom Mai 2026 hob hervor, dass das Finanzsystem und die Wirtschaft die Prüfung des Nahost-Konflikts in Positionen relativer Widerstandsfähigkeit gemeistert haben. Es ist wichtig festzustellen, dass die EZB außerdem feststellte, dass die Banken der Eurozone besser kapitalisiert und liquider sind als in früheren Krisenphasen, und dass die Funktionsweise der Märkte bislang reibungslos geblieben ist.
Die Inflation hat sich natürlich verschärft. Der Anstieg der Ölpreise hat die Inflation angetrieben: Seit Januar ist die allgemeine Inflation der Eurozone gegenüber dem Vorjahr von 1,7% auf 3,0% gestiegen. Diese inflationsbedingte Dynamik bleibt jedoch überwiegend energiebasiert, nicht der Beginn einer allgemeinen, selbsttragenden Preiserhöhung – im April sank die Kerninflation gegenüber dem Vorjahr auf 2,2%, ihr niedrigster Stand seit 2022. Das Lohnwachstum bleibt solide, aber nicht übermäßig – die nominellen Lohnkosten stiegen im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahr um 3,4%, gegenüber 5,5% im vierten Quartal 2022. Das gibt der EZB den nötigen Spielraum, um in ihren Entscheidungen maßvoll zu bleiben. Wir erwarten eine Erhöhung um 25 Basispunkte bei ihrer Junisitzung, gefolgt von einer Pause bis Oktober, um die Entwicklung des Preisdrucks und der Aktivität zu bewerten.
Es lohnt sich auch, den breiteren institutionellen Kontext zu prüfen. Im März hatten wir darauf hingewiesen, dass bedeutende Tabus innerhalb der Europäischen Union zu schwinden beginnen, sei es in der Industriepolitik, in der Haushaltskoordination, bei Verteidigungsausgaben, bei der Energiesicherheit oder gar einer vertieften Integration in bestimmten Bereichen. Die aktuelle Krise könnte erneut Veränderungen beschleunigen: stärkere Energienetze, eine schnellere Umsetzung gemeinsamer Investitionsprogramme und eine größere Bereitschaft, bei der langfristigen Wachstumsunterstützung auf eine Fiskalpolitik zurückzugreifen. Die Geschichte Europas ist oft von Krisen bedingten Anpassungen geprägt, und dieses Muster könnte sich auch dieses Jahr bestätigen.
Cela ne signifie pas pour autant que nous baissons la garde. Une fermeture prolongée des voies maritimes essentielles, une nouvelle flambée des prix du gaz ou une détérioration plus grave de la confiance des entreprises pourraient encore pousser la zone euro sur une trajectoire nettement plus faible au second semestre. La vigueur du marché du travail pourrait s’éroder avec le temps, et l’équilibre entre la persistance de l’inflation et la politique monétaire reste fragile.
Wir bleiben jedoch optimistisch gegenüber den europäischen Aktienmärkten. Laut Bloomberg haben Analysten ihre Gewinnprognosen für den EuroSTOXX-Index in den letzten vier Wochen um 1,4 Prozentpunkte nach oben korrigiert, wodurch sie nun bei 16,4% liegen. Und die Bewertungen scheinen attraktiv zu sein: Der Index wird mit dem 17,5-fachen der erzielten Gewinne gehandelt. In den Vereinigten Staaten ist das erwartete Wachstum zwar höher, aber auch die Bewertungen: Analysten rechnen mit einem Gewinnanstieg von 22,8% beim S&P 500, während der Index mit dem 25,8-fachen der erzielten Gewinne gehandelt wird. Und europäische Unternehmen werden großzügigere Dividenden zahlen: Analysten rechnen mit einer Dividendenrendite von 3,3% gegenüber 1,2% in den USA.
