Investitionen in das natürliche Kapital machen in Europa und in der Schweiz ihre ersten Schritte. Diese Anlageklasse wird jedoch von der Vermögensverwaltung bislang nur begrenzt abgedeckt und ist vielen Anlegern oft unbekannt. Welche Vorteile und Fallstricke gibt es? Martin Davies, Head of Natural Resources bei Nuveen, und Noël Luchena, Head of Institutional Nuveen Switzerland, beantworten im Gespräch mit Allnews Fragen zur Investition in das natürliche Kapital:
Was verstehen Sie unter einer Investition in das natürliche Kapital?
Die Investition in das natürliche Kapital besteht darin, in die physischen Vermögenswerte unseres Planeten zu investieren, wie Landwirtschaft, Holz, Wälder, Wasser. Das natürliche Kapital ist verantwortlich für 55% des globalen BIP. Ohne natürliches Kapital könnten wir schlicht und einfach nicht leben. Vor dem Hintergrund einer enormen Volatilität des Klimarisikos und des Ausmaßes geopolitischer Risiken ist das natürliche Kapital eine strategische Infrastruktur.
Warum sollte es Teil eines Investment-Portfolios sein?
Die Natur dieser Vermögenswerte macht sie äußerst überzeugend. Nehmen wir das Beispiel Landwirtschaft. Ackerland sichert unsere Ernährung, unabhängig von Konjunkturzyklen. Wir könnten ohne Rechenzentren überleben, aber nicht ohne Nahrung. Diese landwirtschaftlichen Vermögenswerte sind also robust und bieten einen hervorragenden Schutz in einer Rezession.
Gold bietet zwar einen Portfolienschutz, aber wenn Sie in landwirtschaftliche Flächen investieren, schützen Sie nicht nur Ihr Vermögen, sondern erzielen auch eine Rendite aus der Pacht der Flächen oder dem Verkauf der Ernten oder zusätzlich durch den Anstieg der Bodenpreise.
Das natürliche Kapital schützt auch gegen Inflationsrisiken. Die Ernährung ist stark im Verbraucherpreisindex gewichtet. Bei Inflation steigen die Lebensmittelpreise und ebenso die Preise für landwirtschaftliche Flächen sowie die landwirtschaftliche Rendite. Daraus resultiert eine Steigerung des Einkommens und eine Erhöhung des Kapitals.
In einem Umfeld, in dem alle versuchen, CO2-Emissionen zu reduzieren und die Versorgungssicherheit zu priorisieren, übt die Investition in das natürliche Kapital eine starke Wirkung aus.
«Im Falle einer Inflation steigen die Preise für Lebensmittel und damit auch die Preise für landwirtschaftliche Flächen sowie die landwirtschaftliche Rendite.»
Sie betonen die zentrale Funktion der Landwirtschaft, aber spekuliert man mit dem natürlichen Kapital nicht auf landwirtschaftliche Produkte, Wasser und Nahrung?
Es handelt sich nicht um Spekulation. Zur Produktion von Nahrung oder Holz bedarf es externer Investitionen. Sie haben hier Vermögenswerte mit attraktiven Renditemerkmalen, die eine hohe Nachfrage bedienen. Die Bereitstellung einer Rendite und die Margenverbesserung erfüllen Nachhaltigkeitsstandards.
Beim natürlichen Kapital verbessern Investitionen in Wälder oder Landwirtschaft das Rendite-Risiko-Profil, aber es handelt sich keineswegs um Spekulation. Investitionen in „Soft Commodities“ sind eine Form der Beteiligung an der Landwirtschaft, aber eher Spekulation. Hier investieren wir in physische Vermögenswerte, in landwirtschaftliche Flächen und Wälder, was Auswirkungen, Umwelt und den Kampf gegen den Klimawandel verbessert.
Wie wird das regulatorische Umfeld für Investitionen in das natürliche Kapital behandelt? Gehört es zu alternativen Investments oder zu Rohstoffen?
Institutionelle Investoren betrachten diese Anlageklasse unterschiedlich: Einige sehen darin eine Investition, die dem Immobilienbereich nahekommt, andere eher Infrastrukturen, wieder andere eine opportunistische Investition und wiederum andere eine Impact-Investition.
Wir beobachten, dass diese Anlageklasse weltweit zunehmend anerkannt wird, dass sie reifer wird, wobei ein Teil des Kapitals, das dem natürlichen Kapital gewidmet ist, 2 bis 5% des Portfolios ausmacht. Ich denke an kanadische Pensionskassen, die 5% der Vermögenswerte dem natürlichen Kapital widmen.
Es sei daran erinnert, dass Nuveen ein Vermögensverwalter ist, der zur Teachers Insurance and Annuity Association of America (TIAA) gehört, welche das Altersvorsorgevermögen gemeinnütziger Organisationen wie der Lehre verwaltet. Zwei Prozent von TIAA sind dem natürlichen Kapital gewidmet.
Diese Anlageklasse ist jedoch im Vergleich zu Immobilien oder Infrastrukturen relativ neu, gewinnt aber an Aufmerksamkeit und wird schrittweise zu einer „Mainstream“-Investition im Bereich der alternativen Investments.
In der Praxis legen Investoren das natürliche Kapital weder in Infrastrukturen noch in Private Debt an, sondern in eine separate Anlageklasse. In diesem Fall leisten sie den notwendigen Bildungsaufwand. Ähnlich wie bei Infrastrukturen könnte das natürliche Kapital zu einer eigenständigen Anlage innerhalb der alternativen Investments werden.
Ist es besser, in diesem Bereich passiv oder aktiv zu investieren?
Wir empfehlen eine direkte Exposition gegenüber dieser Anlageklasse, beispielsweise über Separate Accounts (getrennte Konten) oder Fonds, die direkte Investitionen mit einem fundamentalen Ansatz tätigen.
Aufgrund ihrer direkten Produktionsexponierung sind die Risiken dieser Investitionen inhärent, egal ob es sich um die Volatilität der Rohstoffpreise oder staatliche Regulierungsinterventionen handelt. Aus diesem Grund ist es zwingend, diese Exposition geografisch oder nach Art der Kulturen, Baumarten, Wasserquellen für die Landwirtschaft zu diversifizieren. Man muss auch geografisch unterschiedliche Orte der Vermögensverwaltung wählen. Die Diversifizierung kann mittels eines breit aufgestellten strategischen Fonds oder eines separaten Kontos erreicht werden.
Im Bereich Landwirtschaft beträgt die übliche Investitionsgröße bei uns 25 bis 40 Millionen US-Dollar.
«Investitionen in Wälder oder Landwirtschaft verbessern das Rendite-Risiko-Profil, aber sie sind keineswegs Spekulation.»
In einem so breit diversifizierten Fonds, wo befinden sich die wichtigsten Positionen? Und was hat dort nichts zu suchen?
Wir investieren vor allem je nach Risikotoleranz der Investments in Industrieländer, also in die USA, Australien, Spanien, Uruguay, Chile. Wir wählen Standorte, die den Zugang zu mehreren Themen ermöglichen, von Waldland bis zu landwirtschaftlichen Flächen. Die Einnahmen können durch landwirtschaftliche Produktion oder Märkte wie CO2-Kredite erzielt werden. Diese Diversifizierung führt zu unterschiedlichen Einnahmequellen. Kürzlich haben wir in einen Gemüseproduzenten in Florida investiert, der sowohl Einnahmen aus der Flächenbewirtschaftung erzielt, bestimmte Gemüsesorten fördert als auch erwartete Gewinne aus der erwarteten Wertsteigerung der Vermögenswerte bietet.
Wie ist die Performance der Investitionen in das natürliche Kapital?
Die interne Rendite (IRR) beläuft sich auf 7 bis 9%, davon 3 bis 4% als Einkommen. Das Holz weist eine leicht niedrigere Rendite auf, mit 2 bis 3% Einkommen.
Wir verfügen auch über ergänzende Anlagen, sogenannte „enhanced strategies“, die darauf abzielen, eine Gesamtrendite von 9 bis 11% zu erzielen. Der Schlüssel dieses Renditeprofils liegt in seiner Resilienz und seiner Unabhängigkeit vom Konjunkturzyklus. Es handelt sich nicht um Private Equity oder Private Credit.
Verfügen diese Märkte nicht über eigene Zyklen?
Die Diversifizierung reagiert auf die eigenen Zyklen der verschiedenen Märkte des natürlichen Kapitals, sei es bei den verschiedenen Kulturen, dem Holz oder der Zitrone. Derzeit durchläuft der amerikanische Holzmarkt schwierige Zeiten. Er befindet sich am Tiefststand infolge von Zöllen und Exportbeschränkungen in Richtung Asien. Doch der Holzmarkt bietet eigene Vorteile. Es ist möglich, das Holz nicht jedes Jahr zu fällen und Wälder länger wachsen zu lassen.
Wie wählt man zwischen direkten Investitionen und der Verbriefung?
Wir führen ausschließlich direkte Investitionen auf Basis unserer Recherchen und der Portfolio-Optimierungsarbeit durch und setzen dann die Strategie vor Ort um. Es ist entscheidend, lokale Teams in diesen Märkten zu haben. Wir verfügen über 175 Fachkräfte am Hauptsitz und über 300 Mitarbeitende vor Ort in verschiedenen ergänzenden Tochtergesellschaften.
Ist Europa auf diesen Märkten wettbewerbsfähig?
Europa ist global in bestimmten Ländern sehr wettbewerbsfähig, zum Beispiel in Spanien und Portugal, sowie in einigen Ländern Osteuropas. In anderen Regionen ist die Größe der landwirtschaftlichen Betriebe jedoch sehr gering und fragmentiert im Vergleich zu den USA und Australien.
In Asien und Afrika stellen Fragmentierung und kleine Betriebsgrößen ebenfalls große Hindernisse dar.
In Lateinamerika lastet auf Brasilien ein Ruf- und Währungsrisiko, weshalb wir in diesem Land im Rahmen unserer Hauptstrategie nicht investieren.
«Die interne Rendite beläuft sich auf 7 bis 9%, davon 3 bis 4% als Einkommen»
Wie groß ist der Markt?
Wir führen Studien durch, um die Größe des investierbaren Universums in der Landwirtschaft zu bewerten. Unsere Analysen zeigen, dass der weltweite Markt für institutionell nutzbare landwirtschaftliche Flächen mehr als 700 Milliarden Dollar beträgt und dass der Holzmarkt bis zu 200 Milliarden Dollar erreichen kann.
Wer sind die Marktführer im Natural-Capital-Management?
Nuveen gehört zu den größten globalen Vermögensverwaltern in dieser Anlageklasse. Wenn wir eine breite Definition des natürlichen Kapitals verwenden, nennen sich weitere Vermögensverwalter wie Manulife, BTG Group, Campbell Group, wobei sich letztere beiden stärker auf Wälder als auf das gesamte Spektrum konzentrieren.
Wie verbreitet ist das natürliche Kapital bei Schweizer Investoren?
Wir stehen erst am Anfang. Es ist notwendig, eine umfassende Bildungs- und Schulungsinitiative in dieser Anlageklasse durchzuführen. Derzeit wissen nur wenige Schweizer Investoren, worum es geht. Einige kennen zwar die Wald- oder CO2-Emissionshandelsmärkte, jedoch nicht im Hinblick auf Vermögensallokation. Aus unseren Umfragen geht hervor, dass Investoren den Dekorrelationsaspekt, die Wirkung sowie die erwartete Rendite nach Kosten der Absicherung des Währungsrisikos schätzen. Die globale Diversifizierung, in über 60 landwirtschaftlichen Nutzpflanzen und 25 im Holzbereich, wird als Hauptvorteil angesehen. In zwei bis drei Jahren wird die Diskussion rund um das natürliche Kapital voraussichtlich deutlich fortgeschrittener sein.
Welche Fallstricke hat diese Anlageklasse? Ist es die Liquidität?
Die Frage lautet, ob der Anleger tagtäglich liquide sein möchte oder ob er „Gates“ akzeptiert. Im Beispiel des natürlichen Kapitals gibt es Evergreen-Strukturen für Landwirtschaft und Holz. Die Flexibilität besteht, aber klar ist, dass das natürliche Kapital nicht die Liquidität von Aktien und Anleihen bietet.
Hinzu kommt ein Punkt in Bezug auf Rendite und Risiko, nämlich das „Reporting“. Wenn Sie in eine Anlageklasse investieren, die Auswirkungen hat, müssen Sie diese nachweisen können.
In der Schweiz gibt es noch nicht viele Investoren in diesem Bereich, auch wenn wir großes Interesse wecken, sobald wir das Thema ansprechen. Der Benelux-Raum ist möglicherweise weiter fortgeschritten als die Schweiz im Bereich Impact-Investment.
Wir sind überzeugt, dass das natürliche Kapital in zwei oder drei Jahren zweifellos deutlich stärker nachgefragt sein wird.
