Selten war Reichtum so mobil. Der jüngste Bericht von Henley & Partners beschreibt eine Welt, in der große Familien nicht mehr ein Land wählen, sondern ein echtes Souveränportfolio aus Residenzen, Nationalitäten, Strukturen und Investitionen verteilt über mehrere Jurisdiktionen aufbauen. Die Staaten streiten sich nun nicht mehr nur um Kapital, sondern auch um Unternehmer, Investoren und Familien, die es halten.
Die öffentliche Debatte zieht daraus oft eine einfache Schlussfolgerung: Großvermögen würden vor allem basierend auf der Steuerpolitik arbitrieren. Man würde ein Land verlassen, wie man ein Abonnement kündigt, das zu teuer geworden ist. Diese Lesart ist verführerisch. Sie ist auch weitgehend unvollständig.
Der Mythos der Steuerflucht
Beginnen wir damit, die Abwanderung zu relativieren. In Großbritannien sollte die Abschaffung des Non-Dom-Regimes eine massive Abwanderungswelle auslösen. Die ersten Daten erzählen eine nuanciertere Geschichte. In einer Welt, die unsicherer geworden ist, bleiben rechtliche Stabilität, die Qualität der Institutionen, das wirtschaftliche Umfeld oder das Bildungssystem bei familiären Entscheidungen schwer ins Gewicht.
Die Nachfolge ist nicht mehr ein bloßes Weiterreichen eines Ziels; sie ist zu einer Übung der Gestaltung geworden.
Die Schweiz beobachtet eine vergleichbare Realität. Kapital fließt schnell; Personen deutlich weniger. Wenn Vermögen sich von London oder Paris entfernen, siedeln sie sich nicht automatisch in Genf oder Zürich an. Kapital bewegt sich mit einem Klick; eine Familie verankert sich in einer Schule, einer Sprache, einer Kultur, einer Geschichte. Zwischen beidem entscheidet sich der Kern der Vermögensstrategie.
Wenn die Komplexität zum Thema wird
Die wichtigste Lehre aus dieser Mobilität besteht nicht darin, dass Familien gehen. Es ist vielmehr, dass sie sich verteilen. Wohnsitz in einem Land, Staatsangehörigkeit in einem anderen, Vermögenswerte verteilt auf mehrere Jurisdiktionen, Unternehmen auf verschiedenen Märkten vertreten, Erben, die manchmal auf mehreren Kontinenten leben: Große Familien denken jetzt international.
Diese Entwicklung verändert die Natur der Vermögensherausforderung grundlegend. Denn ein Vermögen, das sich über mehrere Länder verteilt, stellt zuerst keine steuerliche Frage. Es wirft eine Frage der Kohärenz auf. Wer entscheidet? Nach welchen Regeln? Wie soll abgewogen werden, wenn die Entscheidungszentren, die wirtschaftlichen Interessen und manchmal auch die Familienkulturen selbst verstreut sind?
Die Geografie verschwindet nicht. Sie hört lediglich auf, die primäre strategische Variable zu sein. Die eigentliche Frage wird dann die Governance-Frage.
Governance als Strategie
Oft wird übersehen: Langfristig stammen die Hauptursachen für die Zerstörung großer Vermögenswerte selten ausschließlich aus der Steuerpolitik oder den Finanzmärkten. Sie resultieren viel häufiger aus mangelnder Vorbereitung, Dialog oder Kontinuität innerhalb der Familie. Das englische Sprichwort „shirtsleeves to shirtsleeves in three generations“ behält in dieser Hinsicht seine volle Relevanz. In der Regel schwächt nicht die Ertragslage eine Vermögensmasse, sondern die Unfähigkeit, ein gemeinsames Vorhaben weiterzugeben.
Der gegenwärtige Kontext verleiht diesem Anliegen eine neue Resonanz. Ein historischer Vermögensübergang findet zwischen den Generationen statt. Gleichzeitig werden Familien internationaler, während sich ihre Strukturen verkomplizieren. Die Weitergabe besteht nicht mehr nur darin, Vermögenswerte zu übertragen, sondern auch Verantwortlichkeiten, Werte, Know-how, Netzwerke und die Fähigkeit, gemeinsam Entscheidungen zu treffen.
Die Schweiz, Ort der Governance
Genau auf diesem Terrain besitzt die Schweiz einen einzigartigen Vorteil. Das Land wird nicht immer den Wettlauf um die attraktivsten Steuersysteme gewinnen. Andere Jurisdiktionen werden weiterhin vorteilhaftere Regelungen anbieten. Doch der Schweizer Vorteil ist von einer anderen Natur.
Wenig Orte bündeln so viele juristische, steuerliche, finanzielle, unternehmerische und philanthropische Kompetenzen, die Familien dienen können, die sich einer zunehmenden internationalen Komplexität gegenübersehen. Nur wenige verfügen zudem über eine ebenso lange Erfahrung darin, mehrere Generationen, verschiedene Rechtsordnungen und mehrere Vermögenskulturen miteinander in Dialog zu bringen.
Der Mehrwert des Family Office beschränkt sich nicht darauf, Dienstleister zu koordinieren oder Strukturen zu organisieren. Es geht darum, eine Gesamtkohärenz zu bewahren, wenn sich alles verkompliziert. Genau dort zeigt Governance ihren vollen Wert.
Wie dauerhaft bestehen?
Zwei Logiken widersprechen sich dann. Die erste macht die Jurisdiktion zur Strategie und die Steuern zur Orientierung. Die zweite macht Governance zur Strategie und Geografie zu einem Instrument im Dienst eines Familienprojekts. Die erste strebt nach Optimierung. Die zweite strebt nach Dauer.
Mit zunehmender Internationalisierung der Familien wird diese zweite Logik wahrscheinlich zur wahren Schlüsselfrage für die Wertschöpfung. Die entscheidende Frage des nächsten Jahrzehnts wird daher vermutlich nicht lauten „Wo soll man sich niederlassen?“, sondern „Wie dauerhaft bestehen?“. Indem man diese Frage beantwortet, wird die Schweiz das bewahren, was ihr seit jeher ihre Einzigartigkeit verleiht: Vertrauen, Anspruch, Unabhängigkeit und Langfristigkeit.
