Börse lacht, Verbraucher weinen

Die Wall Street ist auf dem höchsten Niveau, während die Stimmung der Verbraucher noch nie so niedrig war.

Selten war die Kluft zwischen Wall Street und Main Street so spektakulär.

Einerseits strebt der S&P 500 seine historischen Höchststände an. Andererseits sinkt das Vertrauen der amerikanischen Verbraucher, gemessen von der University of Michigan, auf Werte, die normalerweise mit Rezessionen verbunden sind. Unser erstes Diagramm veranschaulicht diesen großen Unterschied. Der Aktienmarkt wird durch den führenden Index der 500 größten amerikanischen Unternehmen, den S&P 500, Blau dargestellt und auf der linken Skala angezeigt. Das Vertrauen der amerikanischen Verbraucher wird dagegen in Rot auf der rechten Skala angezeigt.

Börse auf Höchststand – Verbrauchervertrauen auf dem Tiefpunkt

Der Paradoxon ist jedoch nur scheinbar. Denn die amerikanische Börse spiegelt nicht mehr wirklich die amerikanische Wirtschaft wider. Sie ist vor allem das Spiegelbild einer Handvoll globalisierter Technologieriesen, angetrieben von künstlicher Intelligenz und relativ losgelöst vom durchschnittlichen US-Verbraucher. Nvidia, Microsoft, Alphabet oder Meta stellen heute einen enormen Anteil an der amerikanischen Marktkapitalisierung dar.

Auch dieses Jahr stammen fast 90% des Gewinnwachstums des S&P 500 von den Tech-Giganten.

Der amerikanische Verbraucher schaut hingegen auf eine andere Kurve: die Benzinpreise. Aber auch auf Mieten, Versicherungen, medizinische Versorgung und Lebensmittel. In diesem Umfeld ist Optimismus deutlich schwerer zu finden. Der Krieg im Nahen Osten und die Spannungen auf dem Energiemarkt verschärfen diese Unsicherheit direkt. Unser zweites Diagramm zeigt übrigens eine auffällige Korrelation zwischen dem Rückgang des Verbrauchervertrauens – rot auf der linken Skala – und dem Anstieg des Preises an der Tankstelle – blau auf der umgekehrten rechten Skala.

Der Vertrauensverlust lässt sich am Preis an der Tankstelle messen

Doch ein anderer Indikator erzählt eine deutlich weniger düstere Geschichte. Der Vertrauenindex des Conference Board ist zwar rückläufig, bleibt aber relativ stabil (in Rot auf der linken Skala unseres letzten Diagramms). Warum eine so große Divergenz? Weil die beiden Umfragen nicht dieselbe Realität messen.

Die University of Michigan erfasst vor allem das emotionale Empfinden der Haushalte gegenüber der Inflation und der Kaufkraft. Der Conference Board gewichtet Arbeitsmarkt und Einkommen stärker. Denn trotz eines allmählichen Abschwungs bleibt der US-Arbeitsmarkt robust. Die Arbeitslosenquote – blau auf der umgekehrten rechten Skala – ist zwar von 3,4% zu Beginn 2023 auf 4,3% heute gestiegen, doch diese Verschlechterung bleibt im Vergleich zum Energiepreis-Schock begrenzt.

Die Beschäftigung mildert den Vertrauensverlust der Verbraucher

Mit anderen Worten sagen die US-Haushalte, die Umfragen zur Bestimmung ihres Vertrauens beantworten: „Wir sind von den Preisen erdrückt“ und „Wir haben noch Arbeit“. Dieser Zwiespalt erklärt, warum der US-Verbrauch weiterhin Widerstand leistet, obwohl die Verbraucherstimmung extrem niedrig ist. Die Verbraucher spüren jeden Tag die Inflation beim Einkaufen oder Tanken, während der nach wie vor robuste Arbeitsmarkt den unmittelbaren wirtschaftlichen Schock abfedert.

Aber welchem Vertrauensmaß soll man folgen? Dem Wert des Michigan-Index oder dem des Conference Board? Es kommt darauf an, welches dieser Indikatoren ihr Vorhersagevermögen der US-Wirtschaft – genauer gesagt die Gefahr einer Rezession – am besten misst.

Ich habe eine detaillierte Studie zu diesem Thema durchgeführt und die Ergebnisse zeigen das Conference Board als Sieger, wenn auch mit geringer Marge. Diese Analyse bestätigt eine Realität: Wenn die Verbraucher zwischen teurerem Benzin und dem Erhalt ihres Arbeitsplatzes wählen müssten, würden sie nicht lange zögern.

Dennoch ist für die Märkte und die Fed die Divergenz zwischen den beiden Vertrauensindizes entscheidend. Sie deutet auf eine Wirtschaft hin, die noch nicht in eine Rezession abgleitet, aber in der die inflationsbedingte Malaise tief bleibt. Ein Cocktail, der an einige Episoden der 1970er Jahre erinnert: positives Wachstum, widerstandsfähige Beschäftigung, aber Vertrauen durch steigende Preise und Energie-Schocks erschüttert.

Ist die aktuelle Arbeitsmarktfähigkeit also dauerhaft? In einer jüngsten Kolumne betonten wir, dass es nicht Energieschocks sind, die Rezessionen verursachen, sondern die Reaktionen der Zentralbanken. In einer Zeit, in der die Märkte beginnen, vorsorgliche Zinserhöhungen zu antizipieren, um jeden inflationsbedingten Impuls im Keim zu ersticken, ist das kein gutes Omen. Zum Risiko einer Rezession, verursacht durch eine Verschärfung der Geldpolitik, kommt außerdem der schnelle Aufstieg von künstlicher Intelligenz hinzu, der die Beschäftigung in den kommenden Jahren ebenfalls belasten könnte.

Das wahrscheinlichste Szenario ist daher ein langsames Ansteigen der Arbeitslosenquote in den USA, das schrittweise die Kluft zwischen den beiden Vertrauensbarometern verringert.

Bleibt dann noch eine letzte Divergenz zu lösen: die zwischen einem vollkommen euphorischen Aktienmarkt und tief pessimistischen Verbrauchern.

Die Geschichte lehrt uns, dass es selten die Verbraucher sind, die zur Wall Street finden, sondern eher umgekehrt.

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