Der Notruf kam spät, die Hoffnung noch später – und doch endete die Suche im Hochgebirge mit einem Happy End. Der vermisste Wanderer, ein 42-jähriger Zürcher, wurde am Dienstagvormittag im Gebiet oberhalb von Mürren erheblich unterkühlt, aber lebend geborgen. Zwei Nächte in steilen Hängen, wechselhaftes Wetter und eine leere Telefonbatterie hatten seine Chancen schmelzen lassen.
Die Suche im steilen Gelände
Als der Mann am Sonntag nicht wie geplant auf der Griesalp eintraf, alarmierte seine Familie die Kantonspolizei Bern. Noch in der Nacht starteten erste Abklärungen, am Montagmorgen rückten Rettungskräfte in mehreren Trupps aus. „Wir hatten nur grobe Anhaltspunkte zur geplanten Route“, sagt Einsatzleiterin Sandra H., die den Stab im Einsatzzentrum in Interlaken führte. Dichte Wolken, nasser Fels und teils verblasste Markierungen erschwerten Spurensuche und Koordination.
Die Fachleute setzten Hunde, Drohnen und später einen Helikopter der Rega mit Wärmebildkamera ein. „Man verliert in diesem Gelände rasch die Übersicht“, erklärt ein Bergretter, „und schon wenige Meter abseits des Pfads wird es heikel.“ Immer wieder stoppte der Nebel die Flüge, sodass Suchsektoren zu Fuss abgearbeitet werden mussten.
Zwei Nächte zwischen Fels und Nebel
Der Mann war am Sonntag früh von Lauterbrunnen über Mürren Richtung Sefinenfurgge gestartet – eine beliebte, aber konditionell fordernde Überschreitung. Im Spätnachmittag zog feuchte Luft aus dem Westen auf, die Temperatur sank, Sicht und Orientierung litten. „Ich merkte, dass ich zu tief in eine Rinne abdriftete“, schildert der Gerettete im Gespräch mit den Behörden. „Dann rutschte ich auf feuchtem Schiefer weg und kam in einem steilen Grasband zum Stillstand.“
Sein Handy verlor im Schattenhang rasch Empfang, die Batterie war nach mehreren Versuchen, einen Notruf abzusetzen, leer. „Ich suchte eine kleine Mulde unter einem Felsblock, wickelte mich in die Regenjacke und wartete.“ In der zweiten Nacht peitschte Wind, feiner Niesel setzte sich wie eine kalte Decke auf Kleidung und Nerven. „Ich hatte Angst, dass ich es nicht mehr schaffe“, sagt er leise, „und habe laut in die Nacht gerufen.“
Rettung per Helikopter
Am Dienstag riss die Wolkendecke kurz auf. Ein Rega-Crewmitglied sichtete in einer Geröllflanke zwischen Rotstockhütte und Sefinenpass ein schwaches Blinken – die spiegelnde Metallkante eines Trinkflaschenverschlusses. „Ein klassischer Zufallstreffer, möglich nur durch minutiöse Vorarbeit am Boden“, so Sandra H. Der Helikopter setzte einen Rettungsspezialisten per Winde ab, der den Mann stabilisierte und gegen weiteren Wärmeverlust schützte.
„Er war dehydriert, unterkühlt und erschöpft, aber ansprechbar“, berichtet ein Notarzt. Nach einer kurzen Erstversorgung wurde der Wanderer ins Spital Interlaken geflogen. Lebensgefahr bestand nach Behördenangaben nicht. „Ich bin unendlich dankbar“, sagte der Mann später, „denn ohne die Frauen und Männer da draussen wäre ich verschwunden.“
Reaktionen und offene Fragen
Bei der Kantonspolizei Bern herrschte spürbare Erleichterung, zugleich wird der Ablauf aufgearbeitet. „Wir prüfen, an welchen Stellen wir schneller hätten reagieren können“, heisst es aus dem Korps. Die Rettung sei eine Teamleistung aus professionellen Kräften, lokalen Bergführern und aufmerksamen Anwohnern gewesen.
Unklar ist, weshalb der Wanderer trotz angesagter Wetterverschlechterung an seinem Plan festhielt. „Fehleinschätzungen passieren“, sagt ein erfahrener Bergführer aus Mürren, „doch eine halbe Stunde Umkehr ist oft die beste Entscheidung des Tages.“ Hinweise auf Fremdverschulden liegen den Behörden nicht vor, auch ein gesundheitliches Problem wird derzeit nicht ausgeschlossen.
Lehren für Berggängerinnen und Berggänger
Der Vorfall zeigt, wie rasch sich ein scheinbar gut vorbereiteter Tagestrip in eine gefährliche Lage verwandeln kann. Expertinnen und Experten raten zu nüchterner Planung, Reservezeiten und realistischer Selbsteinschätzung.
- Wetterprognosen mehrfach prüfen und bei Zweifeln frühzeitig umkehren; Alternativrouten und Zeitpuffer einplanen.
- Kartenmaterial offline sichern, Powerbank und Ladekabel mitnehmen; Notruf-Apps oder PLB-Geräte erwägen.
- Auf Markierungen achten, bei Nebel Stop-and-Think statt Blindflug; exponierte Abschnitte nur bei sicherer Trittfestigkeit.
- Warme Schichten, Mütze, Handschuhe und Biivacksack auch auf Tagestouren einpacken; genügend Kalorien und Flüssigkeit mitführen.
- Allein unterwegs? Jemandem Route und Rückkehrzeit melden und auf fixe Check-ins bestehen.
„Berge sind kein Freizeitpark“, sagt die Einsatzleiterin, „doch mit guter Vorbereitung bleiben sie ein Ort grosser Erlebnisse.“ Der Gerettete will nach seiner Genesung einen Dankesbesuch bei den Retterinnen und Rettern machen – und künftig bei aufziehendem Nebel den Mut zur Umkehr haben. Seine Trinkflasche, die im Geröll glitzerte, wurde zum kleinen Symbol dafür, wie aus einem Zufall ein zweites Leben werden kann.
