Wann der Börsengang spät erfolgt

Unternehmen bleiben länger privat und erreichen einen reiferen Entwicklungsstand, bevor sie sich den Investoren an den öffentlichen Märkten öffnen.

 

„Mega-IPO“ wie das von SpaceX zeigen, dass Unternehmen später an die Börse gehen und sich in einem reiferen Entwicklungsstadium öffnen. Ein Großteil der Wertschöpfung wird zuvor auf den privaten Märkten geschaffen.

Das Jahr 2026 dürfte ein Rekordjahr für Börsengänge sein. Nach dem Börsengang von SpaceX richten sich alle Augen auf die IPO-Projekte von Anthropic und OpenAI. Die Investoren fragen sich: Ist die Nachfrage ausreichend, um dieses zusätzliche Angebot an Aktien zu absorbieren – oder könnten diese Mega-IPO das Interesse an anderen Titeln verlagern?

Auf kurze Sicht dürfte der US-Aktienmarkt jedoch nicht wesentlich beeinträchtigt werden. Drei Hauptgründe erklären diese Resilienz.

Warum dieser Zustrom neuer Aktien beherrschbar bleibt?

Erstens werden diese neuen Giganten an Bedeutung erst schrittweise in den großen Aktienindizes gewinnen. Nicht die Gesamtmarktkapitalisierung ist entscheidend, sondern der tatsächlich am Markt handelbare Anteil des Kapitals, der als Free Float bezeichnet wird. Im Fall von SpaceX betrug dieser Anteil bei der Börseneinführung nur etwa 4 %. Zudem verhindern Sperrfristen („Lock-up“) oft, dass Gründer, Mitarbeiter und frühe Investoren ihre Aktien sofort verkaufen. Diese Sperrfristen dauern in der Regel zwischen 90 und 180 Tagen. Schließlich ist die Aufnahme in die Hauptindizes ebenfalls nicht automatisch. Während FTSE, MSCI und Nasdaq beschleunigte Verfahren vorsehen, verlangt S&P Global nach wie vor eine zwölfmonatige Handelshistorie, bevor eine Aufnahme in den S&P 500 in Betracht gezogen werden kann.

Zweitens ist das Ökosystem der Technologie und der KI eng durch komplexe Finanzierungsbeziehungen miteinander verflochten. Viele der größten Unternehmen halten Beteiligungen an anderen Akteuren am Markt. Sie haben daher ein ebenso großes gemeinsames Interesse daran, dass Börsengänge reibungslos verlaufen.

Drittens bleibt die zentrale Frage bezüglich der Bewertungen von Technologieunternehmen vorerst unbeantwortet: Werden Technologiefirmen in der Lage sein, eine Rendite zu erwirtschaften? Das wird auch von der Fähigkeit der Unternehmen außerhalb des Technologiesektors abhängen, Produktivität und Rentabilität zu verbessern. Die durch die Börse vorgeschriebenen Offenlegungspflichten bringen zwar mehr Transparenz. Allerdings sollten die Quartalsergebnisse die fundamentalen Erwartungen hinsichtlich der Entwicklung dieser Unternehmen in den nächsten zehn Jahren kaum wesentlich verändern.

Ein großer Teil des Wachstums bleibt privat

Die wichtigste Lektion aus diesen Mega-Börsengängen betrifft daher nicht deren kurzfristige Auswirkungen auf die Aktienmärkte, sondern die wachsende Rolle der privaten Märkte in modernen Portfolios.

Gegründet im Jahr 2002 blieb SpaceX 24 Jahre lang privat. Beim Börsengang wurde das Unternehmen mit 1,77 Billionen US-Dollar bewertet. Der Vergleich mit den heutigen Börsenriesen ist frappierend: Amazon ging nur drei Jahre nach seiner Gründung an die Börse – mit einer gegenwärtigen Bewertung von weniger als einer Milliarde US-Dollar. Google folgte sechs Jahre später mit rund 40 Milliarden US-Dollar, und Meta acht Jahre später mit rund 151 Milliarden US-Dollar.

SpaceX stellt einen Extremfall dar, doch diese Entwicklung fügt sich in einen allgemeineren Trend ein. Am Tech-Boom Ende der 1990er Jahre hatte ein Technologieunternehmen im Durchschnitt weniger als sechs Jahre bis zum Börsengang. Dieses Durchschnittsalter liegt inzwischen bei zwölf Jahren. Gleichzeitig erzielt ein typisches Technologieunternehmen zum Zeitpunkt des Börsengangs einen Jahresumsatz, der fast dem Dreifachen dessen entspricht, was ein Unternehmen, das in den 1990er Jahren an die Börse ging, jährlich umsetzt.

Unternehmen bleiben also länger privat und erreichen einen reiferen Entwicklungsstand, bevor sie sich Investoren an den öffentlichen Märkten öffnen. Der Aufschwung des privaten Kapitals hat ihre Finanzierungsmöglichkeiten tiefgreifend verändert: Sie können heute die für ihre Expansion benötigten Mittel beschaffen, ohne gezwungen zu sein, frühzeitig an die Börse zu gehen.

Laut einer Studie von Bain & Company aus dem Jahr 2023 waren 86% der US-Unternehmen, deren Umsatz mehr als 100 Millionen Dollar betrug, weiterhin im Besitz privater Anteilseigner. Zugleich gibt es fast 30% weniger börsennotierte Unternehmen als Ende der 1990er Jahre.

Investoren, die am gesamten wirtschaftlichen Wachstum teilnehmen und die Wertschöpfung bereits in den frühen Phasen der Entwicklung nutzen möchten, müssen daher sowohl Zugang zu den öffentlichen als auch zu den privaten Märkten haben.

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